Sonnenaufgang am Meer gehört in Finale einfach dazu!

Finale Finale!! Die Enduro World Series geht in die letzte Runde!

Die Saison neigt sich dem Ende zu und die Enduro-Renn-Welt versammelt sich zum großen Crescendo in Finale Ligure. Unsere Steffi war für euch live dabei und erzählt Euch aus der ersten Reihe wie’s war.

Wow endlich ist es so weit, endlich geht’s auf nach Finale Ligure zum letzten Rennen der Enduro World Series. Ich habe ziemlich lange auf dieses Event hingefiebert, schließlich habe ich seit La Thuile noch eine Rechnung mit der World Series offen (in La Thuile musste ich leider am zweiten Renntag aufgeben). Aber je näher das Event kommt, umso mehr Sorgen mache ich mir: Werde ich es diesmal schaffen? War es doch etwas zu vermessen mich bei der World Series anzumelden? Habe ich dort überhaupt etwas verloren? Und dann die Strecke, in zwei Tagen sind 100km und 3270hm zu fahren; ohne jegliche Aufstiegshilfe wohlgemerkt, alles aus eigener Kraft! Auf der anderen Seite schwärmen alle die schon einmal dort gewsen sind von den Trails in Finale: „traumhaft, Flow pur, geniale Landschaft, …“ die Reihe ist beliebig fortsetzbar. Mit gemischten Gefühlen steige ich am Mittwoch also zu meinem Kumpel Michi ins Auto und wir machen uns auf die 7,5h lange Autofahrt nach Finale. Dort angekommen sind wir erst einmal überrascht als wir feststellen dass unsere Unterkunft fast direkt am Meer liegt (etwa 50m Fußweg) und zu der Unterkunft ein absolut genial ausgerüsteter Bikeshop (Oddone Bikeshop) gehört. Dazu kommt noch die Lage in der Fußgängerzone, nur etwa 150m entfernt vom Start-/Zielgelände. Wow das war ja mal ein Glückstreffer! Einziger Wehrmutstropfen: es gibt keine Parkplätze in der Nähe. Also parken wir das Auto ersteimal einen Kilometer entfernt und schleppen unsere Taschen per Pedes in die Unterkunft bevor wir ein zweites Mal ausrücken um die Räder zu holen. Danach geht’s sofort ans (und für mich auch ins) Meer. Die Strandpromenade ist gesäumt von Palmen, ein wenig erinnert mich der Ort an unseren Urlaub auf La Palma in Puerto Naos. Nur dass die Berge im Hinterland alle sehr grün sind anstatt Vulkansand-schwarz. Nach dem Baden gehen wir unsere Startunterlagen abholen und meine Nervosität kehrt schlagartig zurück. Wir bekommen die Startnummern und die Aufkleber mit denen wir das Rad markieren müssen. Der Rahmen, die Laufräder und die Federgabel dürfen während dem Rennen nicht getauscht werden und bekommen daher jeweils einen Aufkleber (ich habe die vom letzten EWS Rennen in La Thuile immer noch wie kleine Trophäen auf meinen Felgen kleben…).

Mountainbiker am Strand sind hier in Finale ganz normal

Mountainbiker am Strand sind hier in Finale ganz normal

Am nächsten Morgen dürfen wir dann auf den Strecken des ersten Renntages (Samstag) trainieren. 3 Stages erwarten uns heute, insgesamt müssen wir am Samstag 1770hm hochtreten. Allerdings sparen wir uns heute die ersten 1000hm und fahren mit Michis VW-Bus zum ersten Anstieg hoch (er hat angeboten am Ende des Tages mit dem Rennrad nochmal hochzufahren und das Auto zu holen, DANKE dafür!!). Wir parken das Auto neben zwei andern Autos. Während wir die Räder ausladen hält neben uns ein Bike-Shuttle nach dem anderen. Wow, ganz schön was los hier oben! Dann geht’s los. Nach etwa 80 weiteren Höhenmetern erreichen wir den Start der ersten Stage namens „Poste“. Scheint ja anfangs recht flowig zu sein, gar nicht so grob wie in der Beschreibung stand! Später erfahren wir dass der Anfang der Stage der berühmte „Rollercoaster“-Trail von Finale ist. Leider biegen wir relativ bald nach links unten ab auf einen nagelneuen Trail, der extra für die EWS „reaktiviert“ wurde. Angeblich war er mal ein alter Pfad zu den verlassenen Silberminen in der Umgebung. Jetzt bin ich einfach nur froh dass er „machbar“ ist. Sprich ich bin zwar langsam, kann aber alles fahren. Einfach ist der Weg deswegen nicht. Immer steil und verblockt, immer wieder mit engen Spitzkehren gespickt schlängelt er sich durch den dichten Wald. Man merkt dem Trail an, dass er neu ist: Der Boden ist sehr lose, immer wieder lösen sich größere Felsbrocken aus dem sandig-staubigen Untergrund. Dann auf einmal wechselt der Boden zu reinem Fels. Über unebene Felsplatten und durch Rinnen läuft der Weg weiter, bis er irgendwann endlich in einen schmalen Karrenweg mündet der an einem wunderschönen kleinen Teich mit Wasserfall endet. Vor diesem Trail habe ich definitv großen Respekt, er bietet unterwegs keinerlei Möglichkeit zur Erholung. Es ist einfach immer anspruchsvoll und rau.

Am Ziel der ersten Stage erwartet und ein idyllischer See

Am Ziel der ersten Stage erwartet und ein idyllischer See

Vom Teich aus geht es weiter zu Stage 2. Wir müssen über einen steilen Anstieg über einen fiesen Schotterweg wieder bis fast ganz nach oben zum Start von Cavatappi. Das bedeutet angeblich etwas Ähnliches wie „Korkenzieher“ und beschreibt den Trail der vor uns lag ziemlich gut. Er startet in weiten, offenen Kurven mit unglaublich viel Flow. Danach werden die Kurven langsam enger und der Untergrund immer rauer. Immer wieder gibt es kleine Sprünge und Kanten die zu hoch sind um sie abzurollen. Irgendwie gefällt es mir zu sehen dass ich nun genau die Techniken brauche die ich meinen Teilnehmerinnen in den Fahrtechnik-Camps immer mitgeben will: Droppen, Spitzkehrenfahren (ja fahren und nicht umsetzen, fahren geht vieeeel schneller) und die richtige Blickführung. Ein falscher Blick in den Kurven und schon steht man im Trail. Der Trail endet mit einer Bachdurchfahrt die bei den aktuellen Temperaturen um 28°C eine willkommene Erfrischung ist.

Ab und zu muss man einfach stehen bleiben und die Aussicht genießen, hier auf der Stage 2

Ab und zu muss man einfach stehen bleiben und die Aussicht genießen, hier auf der Stage 2

Der Transfer zur letzten Stage des Tages beginnt mit einer Abfahrt auf Asphalt bis hinunter nach Calice Ligure. Von dort aus müssen wir (weiter auf Asphalt) weiter 300hm nach oben treten. Kurz nach dem hübschen Örtchen Carbuta zweigt der Zubringer zum Start der Stage 3 ab. Unter einer Stromleitung entlang müssen wir einen steilen Anstieg hinaufsteigen. Oben dann ist mithilfe von Flatterband eine Art Starttor aufgespannt- sieht irgendwie improvisiert aus, so als hätten die Streckenbauer sich erst nicht so recht entscheiden können ab wo es denn nun losgehen soll. Nichtsdestotrotz ist dies meine Lieblingsstage an diesem Tag. Sie startet relativ flach, mit einigen Tretpassagen. Danach ein lustiges Auf-und Ab über Bodenwellen, bevor es in einen etwas steileren und engeren Abschnitt kommt. Dann geht es durch das Felsentor, welches ich schon aus den Trail-Vorschauvideos kenne die in den letzten Tagen gepostet wurden. Hui, die steile Kurve direkt danach war irgendwie nicht in dem Video drin. Noch ein lustiger Slalom durch große und kleine Felsbrocken, dann spuckt uns der Trail auch schon auf einem Forstweg aus. Von dort aus geht es noch ein paar Kilometer weiter bis zurück nach Finale. Ich packe meine Badesachen zusammen und lege mich zum Entspannen an den Strand während Michi sich mit dem Rennrad aufmacht, das Auto zurückzuholen. Das nenne ich mal angenehme Arbeitsteilung 😉

Am nächsten Morgen starten wir ebenfalls wieder mit dem Auto hoch zur Nato-Base und sparen uns hiermit die ersten 1000hm. Insgesamt stehen am Sonntag nochmal 50km und 1500hm an. Der erste Trail startet direkt hinter der Nato-Base. Er ist unglaublich schnell und flowig. Plötzlich sehe ich ein seltsames Schild: „Neutral Zone Start“ steht hier. Danach beginnt ein fieser, etwas längerer Anstieg. Dann ein zweites Schild: „Neutral Zone End“. Da bin ich ja mal gespannt ob die da wirklich den Anstieg aus der Wertung genommen haben wie ich hoffe…oder ob das etwas ganz anderes zu bedeuten hat. Ich nehme mir vor abends beim Riders Briefing gut aufzupassen. Weiter geht’s auf dem Trail der den schönen Namen „Crestino“ trägt. Hier gibt es weder Wurzeln noch Steine, nur flowige teils offene aber immer staubige Kurven. Ich habe ein fettes Grinsen im Gesicht während ich durch die Bäume kurve. Doch mittendrin: eine schnelle, enge Doppel-S-Kombination. Mein Vorderrad rutscht ein bisschen und ich erwische mit der rechten Schulter einen Baum und bleibe hängen. Autsch, das hat wehgetan. Aber immerhin bin ich auf dem Rad geblieben. Trotzdem fahre ich ab jetzt etwas vorsichtiger und langsamer. Der Trail läuft nun in einer tiefen Rinne. Wie in einer Bobbahn geht es weiter dahin, es macht einfach nur riesengroßen Spaß. Mittendrin werden wir aus der spaßigen Rinne auf einen Feldweg ausgeleitet. Nach ein paar Metern Tretstrecke steht dann auch das Zielschild. Schade dass der Trail schon vorbei ist denke ich als wir weiterfahren, aber wir haben ja noch 3 Stages vor uns.

Ähh wo genau soll ich hier langfahren? Der Start von Stage 5 hatte es ganz schön in sich!

Ähh wo genau soll ich hier langfahren? Der Start von Stage 5 hatte es ganz schön in sich!

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etwas weiter unten auf der Stage 5. Kurz vorm Gegenanstieg lege ich eine kurze Pause ein und lasse den Blick über die grünen Hügel schweifen.

Stage 5 wurde genau wie Stage 1 extra für das Rennen angelegt und startet auf einem felsigen Bergrücken. Sie hat einen lustigen Namen, nämlich „Rocche Gianche“ bei dem ich immer an Rocce Gigante (gigantisch große Felsen) denken muss (hat damit aber nichts zu tun sondern ist einfach nur der Ortsname). Die Aussicht hier oben ist einfach nur genial. Ringsum die sanften grünen Hügel, im Hintergrund glitzert das Meer. Wow! Allerdings ist der Trail hier nicht ohne. Als wir an der Stage ankommen sehen wir nur jede Menge Fahrräder ohne die zugehörigen Fahrer…ein schlechtes Zeichen: da stehen bestimmt alle an der Strecke weil keiner weiß wo man am besten fahren kann. Wir stellen unsere Räder dazu und gehen zu Fuß weiter – und ich hatte Recht, etwa 100 Fahrer stehen am Streckenrand und diskutieren über welche der Felsplatten nun die schnellste Linie führt. Ooookay ich such dann mal nach einer „überhaupt fahrbaren“ Linie. Dann entdecke ich erleichtert, dass auch einige der Mädels gerade hier sind und sich die Strecke anschauen. Vielleicht kann ich mir bei denen ja etwas abschauen. Immer wieder fährt einer der Männer durch und jedesmal bekomme ich Gänsehaut wie sie über die Felsen rauschen nur um dann gefühlt mit Schallgeschwindigkeit um die staubige Rechtskurve zu verschwinden. Dann sehe ich Franzi Meyer starten. Gegen die Männer sieht die 4-Cross Vizeweltmeisterin aus als würde sie in Zeitlupe herunterfahren, aber für mich sieht die Strecke gleich sehr viel einfacher aus. Ich bleibe noch ein paar Minuten stehen und schaue mir an wie die anderen Mädels den Streckenabschnitt meistern und versuche mir nur einzureden: „wenn die das schaffen, schaff ich das auch! Wenn die das schaffen, schaff ich das auch!“ Wie ein Mantra wiederholt sich der Satz in meinem Kopf während ich mein Fahrrad hole und es über die Felsen hinauf zum Start hieve. Oben steht eine kleine Gruppe Leute ohne Fahrrad. Einem von ihnen fällt wohl mein etwas unglücklicher Gesichtsausdruck auf und er fragt mich: „Are you okay?“ Ich antworte ihm nur „Ask me again when I’m down there“ und deute hinunter auf den Weg nach dem Felsenungetüm wo der Weg sich sanft dahinzuschlängeln scheint. Er lacht nur und sieht mich mit seiner verspiegelten Sonnenbrille an: „It is not as difficult as it looks,“ (es ist nicht so schwer wie’s ausschaut) „and it’s just the upper part, down there it will be flowy!“ Ich sehe ihn skeptisch an „Do you promise me?“ Wieder lacht er und sagt „Yes I promise, i bulit it!“. Ooooookay, cool also habe ich gerade den Trailbauer kennengelernt dem dieses Felsenmeer hier verdanken zu habe. Ein bisschen beruhigt fahre ich los. Und es ist tatsächlich sehr viel weniger wild als ich es mir vorgestellt habe. Solange man auf den Felsen bleibt hat man guten Grip und kann auch sehr gut bremsen. Nur die eine Staubkurve ist etwas haarig, allerdings kann man vorher gut Geschwindikeit rausnehmen und Absturzgefahr gibt es auch keine (was von oben nicht zu erkennen war). Allerdings war der Trailbauer nicht gaaanz ehrlich zu mir, der felsig-verblockte Teil zieht sich noch deutlich länger hin als von oben sichtbar war. Dann folgt ein fieser steiler Anstieg den ich nutze um mich kurz auszuruhen und vor allem meine Aufregeung wieder loszuwerden. Außerdem mache ich ein paar Fotos von der wunderschönen Landschaft. Dann schiebe ich den Anstieg hoch, da ich keine Lust habe bereits am Trainingstag meine kompletten Körner zu verbrauchen. Danach folgt der versprochene sehr flowige Trailabschnitt. Wunderschön gebaute, staubige Anliegerkurven in die man sich so richtig schön reinrutschen lassen kann. Sozusagen die Entschuldigung für den Anfangsteil des Trails.

Das Beeindruckendste an Stage 6? Die Aussicht am Start!

Das Beeindruckendste an Stage 6? Die Aussicht am Start!

Die Stage 6 trägt den Namen „Andrassa“. Der Trail startet an einem Platz relativ nah am Meer oberhalb einer Bucht. Die Aussicht ist der Wahnsinn. Der Trail selbst ist eher unspektakulär, vor allem verglichen mit den bisherigen die wir gefahren sind. Technisch ist er einfach zu fahren. Nennenswert sind die langen Tretstücke über Wiesen und der eine kurze Abschnitt der in einer Art kleinem Canyon dahinläuft. Ansonsten ist das einzige was mir dazu einfällt echt nur: unauffällig…die graue Maus unter den Wahnsinns-Trails hier.

Vom Ende der Stage 6 aus geht es mal wieder auf einem sehr fiesen Schotteranstieg nach oben. Etwa 300hm müssen wir bis zum Start der berühmt berüchtigten Stage 7, dem DH Uomini (Men’s DH) nach oben treten. Ich habe schon Schauergeschichten von dem Trail gehört, so ungefähr jeder der ihn kenn (oder auch nicht kennt) hat mir nur berichtet dass der Trail „krass“ oder „unfahrbar“ oder „unglaublich hart“ sei. Unglaublich nervös stehe ich daher am Start der Stage und versuche noch ein paar Fotos von der fantastischen Aussicht zu machen um mich zu beruhigen. Funktioniert aber nicht. Die vielen Profifahrer wie beispielsweise Nico Lau und René Wildhaber machen es nicht besser da die sich am Start ebenfalls über schwierige Stellen im Trail unterhalten (die sind da wohl schon öfter runter gefahren).

Immer wieder treffen wir Top 30 Fahrer am Start von Stage 7

Immer wieder treffen wir Top 30 Fahrer am Start von Stage 7

Naja irgendwann muss ich dann aber auch mal los und so starte ich mit Schneckengeschwindigkeit auf dem sehr flowigen(!) Trail. Nach jeder Kurve erwarte ich das schlimmste, nur: es kommt nicht!! Im Gegenteil, der größte Teil des Men’s DH ist echt flowig und macht mit den vielen kleinen Sprüngen echt Spaß! Erst die letzten 200m werden echt fies und frickelig. Es fällt mir schwer das Gelände richtig zu beschreiben. Am besten glaub trifft es ein vom Regen ausgespülter, sehr sandiger Kalkfels. Die tiefen Rinnen im Fels (groß genug dass ein Vorderrad darin verschwinden kann) und der viele Sand machen es echt schwierig eine fahrbare Linie zu finden wenn man den Trail nicht kennt. Immer wieder muss ich stehen bleiben um den Weg vor mir zu scannen und eine fahrbare Linie zu finden. Und selbst dann ist meine Line manchmal quer zum Flatterband (Michi hat hier ein sehr lustiges Foto von mir gemacht).

Stage 7 lag mir im Training ja mal überhaupt nicht. Im Slalom durch die Felsen legte ich die Strecke teils quer zum Flatterband zurück

Stage 7 lag mir im Training ja mal überhaupt nicht. Im Slalom durch die Felsen legte ich die Strecke teils quer zum Flatterband zurück

Aber: ich bin jeden Meter des Trails gefahren und heil unten angekommen. Und ich nehme mir vor mich nicht von der Schwierigkeit entmutigen zu lassen. Im Zweifelsfall werde ich im Rennen an der Stelle mein Rad schultern und laufen…was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß ist, dass im Rennen an genau der Stelle der Stage etwa 2000 Menschen stehen werden, und einen anfeuern da irgendwie fahrenderweise runterzukommen…

Nach der Stage bin ich erst mal fix und fertig und verziehe mich wieder an den Strand während Michi wieder das Auto holt. Entspannung muss sein und ich versuche bei einem guten Buch die Anspannung vor dem morgignen Rennen zu vertreiben.

Am Abend geht’s dann erst mal zum Rider’s Briefing. Hier werden uns alle Hinweise und Abläufe zum Rennen mitgeteilt. Unter anderem gibt es auch die Auflösung zur Neutral Zone: Der Anstieg ist tatsächlich neutralisiert. Am Start der Neutral Zone wird die Zeitnahme gestoppt, am Ende wieder gestartet…außer: man braucht vom Start bis zum Ende der Neutral Zone länger als 3min. Ooookay, 3min sind nicht lang! Im Training sind wir einfach mit zügigem Tempo durch die Neutral Zone durchgefahren. Die spätere Analyse der Helmkameravideos zeigt: die 3min sind echt knapp bemessen, da müssen wir im Rennen echt trotzdem Gas geben!! Sonst ist alles wie beim letzten Rennen in La Thuile auch, das kenn ich ja schon. Ein letztes Mal checken wir die Räder und die Ausrüstung durch, dann geht’s ab ins Bett. Trotzdem kann ich wegen der Nervosität lange nicht einschlafen.

Viel zu früh (nämlich ganze zwei Stunden vor meinem Start) bin ich am nächsten Morgen schon am Start-/Zielgelände. Ich konnte nicht mehr schlafen und die Nervosität hält mich auf den Beinen. Ziellos schiebe ich mein Rad über das Gelände und bin froh über jeden der sich für ein paar Minuten mit mir unterhält. Ich versuche mich an den Strand zu setzen, aber ich bin viel zu unruhig, also laufe ich weiter umher. Erst einer der Jungs vom SRAM-Stand hat Mitleid mit mir und verwickelt mich in ein längeres Gespräch über Schaltungen, Ketten und Federelemente. Oh ich liebe Technik!! Eine Stunde später ist mein Puls wieder auf einem normalen Niveau und ich verabschiede mich gut gelaunt in Richtung Start, wo ich die anderen Mädels treffe die inzwischen eingetroffen sind. Dann wird es ernst, anstellen zur Starprozedur. Wir bekommen die Transponder und den Aufkleber mit unseren Stagezeiten. Typisch italienisch bekomme ich einen kleinen Anschiss weil der Markierungsaufkleber meiner Federgabel auf dem Casting klebt anstatt auf der Gabelkrone…aber hey, es hieß nur „on the Fork“! Ich darf trotzdem starten.

Die große Bühne mit dem dahinter liegenden Triumphbogen diente als Start und Ziel

Die große Bühne mit dem dahinter liegenden Triumphbogen diente als Start und Ziel

Fullface Helm auf, Rucksack nochmal festgezogen und los geht’s. Zusammen mit der Schweizerin Daniela Michels starte ich zügig in den 20km Anstieg. Zwei Stunden haben wir dafür Zeit. Und zügig ist eigentlich untertrieben, meine Pulsuhr zeigt nach den ersten Metern schon 184Schläge/min an! Aber wir können es uns nicht leisten langsamer zu fahren, sonst schaffen wir den Anstieg nicht. Außerdem müssen wir uns oben dann ja auch noch abfahrfertig machen, also Knieschoner und Ellenbogenprotektoren anziehen und evtl das Trikot wechseln. Mit einem Schnitt von etwa 25km/h erledigen wir die ersten 5 Kilometer. Dann wird der Weg zu steil. Jetzt kommen wir nur noch langsam voran. Immer wieder überholen wir andere Mädels und ich frage mich warum wir so schnell fahren. Am Abend werde ich erfahren dass diese alle disqualifiziert wurden weil sie ihre Zeiten nicht einhalten konnten. Der Fullface macht mir bei der Anstrengung ganz schön zu schaffen. Wir halten unterwegs nicht einmal an um einen Riegel zu essen. Riegel aus dem Rucksack kramen, auspacken und essen geht auch während dem Treten. Nach genau 1h und 55min erreichen wir dann die Verpflegungsstation kurz vom dem Start der ersten Stage. Was für ein Timing! Ein paar der anderen Mädels sind auch schon da. Drei unterhalten sich über die Olympischen Spiele in Rio…Mooooment, die unterhalten sich so als wären sie dabei gewesen! Oh mein Gott, ich fahre hier mit Olympia-Teilnehmerinnen!! Was mache ich hier?

Der Start der Stage 1 im Training. Hier war der Trail noch harmlos...

Der Start der Stage 1 im Training. Hier war der Trail noch harmlos…

Aber egal, aktuell habe ich keine Zeit mir Gedanken zu machen. Schnell stopfen wir uns etwas Essbaren rein während wir uns umziehen und füllen unsere Wasservorräte auf. Dann geht’s auch schon weiter zum Start. Links und rechts von der Strecke sieht man Zuschauer, und man hört auch noch viele mehr am Streckenrand die vom Start aus nicht sichtbar sind. Wow denke ich mir nur, wie cool, hier sind Zuschauer! Normalerweise kenn ich das eher weniger von Rennen. Klar steht da immer mal wieder einer, aber hier in Italien bei der EWS sind die einfach überall!!

Dann geht’s los! Ich stehe am Start, der Gate Director zählt runter, „fieve, four, three, two one, Go!“ und ich bin unterwegs! Anfangs läuft es echt gut, ich versuche kraftsparend aber trotzdem zügig zu fahren. Dann biegt der Trail ab ins steile Gelände…und er hört gefühlt nicht mehr auf. Zweimal muss ich Mädels von hinten vorbeilassen und nutze die Gelegenheiten kurz stehenzubleiben um die Hände auszuschütteln. Irgendwann fangen meine Fußsohlen an zu krampfen und meine Handgelenke brennen. Der Trail ist vor Staub kaum mehr wiederzuerkennen. Kurz vor dem Ziel rutsche ich weg als ich nochmal Platz machen möchte für eine der Fahrerinnen hinter mir. Okay, nicht meine Stage. Am Abend erfahre ich dass ich die zweitlangsamste Zeit gefahren bin…Cecile Ravanel (die Siegerin) hat die Stage nur halb so lange „genossen“ wie ich. Ich bin dafür auch komplett ausgelaugt.

Den Anstieg zur Stage 2 fahre ich gemeinsam mit Mary. Die Amerikanerin kommt eigentlich aus dem Cross Country Sport und begleitet ihren Mann, der bei der EWS die Masters-Wertung anführt. Wir unterhalten uns über Männer und das Biken während wir unsere Räder den Anstieg hochschieben (zum Fahren fehlt uns nach der anstrengenden Stage 1 die Kraft).

Stage 2 läuft bei mir leider kaum besser als die erste, da mir unten raus wegen der Strapazen auf der ersten Stage wieder die Kraft ausgeht. Allerdings überholt mich meine Hinterfrau erst im letzten Drittel der Strecke, ich bin wohl nicht die Einzige bei der langsam die Kraft nachlässen. Überhaupt ist das immer ein Teufelskreis: fehlt einem die Kraft zum Schnellfahren, fährt man langsamer, was aber nicht unbedingt kraftsparender ist und man ist zusätzlich dann auch noch länger unterwegs und verliert dadurch noch mehr Kraft und wird dadurch noch langsamer. In einer Kurve merke ich richtig wie die Menge enttäuscht ist als ich im Schildkrötentempo angerollt komme. „Tranquillo..“ höre ich nur irgendwo aus den Leuten „Oh Gott ist die langsam“. „Ich rufe nur zurück „Sorry, I know I’m slow“ woraufhin die Leute total ausflippen und anfangen mich anzufeuern. Verrückt diese Italiener!

Nach der Stage dürfen wir runterrollen zur großen Verpflegungsstation in Calice. Hier haben wir auch ganze 15min Pause bevor es weitergeht mit dem Anstieg zur dritten und letzten Stage des Tages. Ich fühle mich komplett ausgelaugt und bin kurz vorm Aufgeben als ich Laura vom Native Enduro Team treffe. Ich kenne sie von vielen anderen gemeinsamen Rennen und sie ist zum Anfeuern und Urlaubmachen nach Finale gekommen. Sie erzählt mir, dass sie beim EWS Rennen in Wicklow auch fast aufgegeben hätte, es aber nicht getan hat und als sie im Ziel angekommen war sich wie der glücklichste Mensch auf Erden gefühlt hat. So richtig überzeugt bin ich nicht, aber ich beschließe zumindest den heutigen Tag zu Ende zu bringen.

Schnelle Waldpassagen gab es auch...für mich waren es aber statt Sprits immer kurze Gelegenheiten mich zu erholen

Schnelle Waldpassagen gab es auch…für mich waren es aber statt Sprits immer kurze Gelegenheiten mich zu erholen. Foto: Joschi

Der Anstieg zur 3 ist wieder hart. Irgendwie habe ich das Gefühl dass die einem bei der EWS sobald es auf Asphalt bergauf geht einfach keine Zeit geben wollen…vielleicht verwechseln die unsere Mountainbikes auch mit Rennrädern, ich weiß es nicht. Aber die Stage läuft bei mir super. Als ich zum Anstieg komme sehe ich Daniela nur ein paar Meter vor mir fahren was in mir nochmal alle Kraftreserven aktiviert. Tatsächlich schaffe ich es bis ins Ziel ohne überholt zu werden und habe das Gefühl echt gut durchgekommen zu sein. Und nach Aufgeben ist mir nicht mehr wirklich, ein versöhnlicher Abschluss des Tages.

Am Sonntag stehe ich nur etwa 1,5h zu früh am Startgelände. Ich bin zwar nervös aber bei weitem nicht so schlimm wie am Tag zuvor. Bei SRAM schaue ich trotzdem kurz vorbei…meine Bremsbeläge sind abgefahren. Während mir der Mechniker neue Beläge einbaut (ich fühle mich tatsächlich kurz wie ein Vollprofi wenn mein Rad so fachmännisch verarztet wird) darf ich das Dach des großen SRAM-Trucks besichtigen. Die Aussicht von oben ist super. Man hat einen 1-a Blick auf die Bühne, das Meer und das Ausstellungsgelände.

Kurzer Ausflug auf das Dach des SRAM-Trucks vorm Start am Sonntag

Kurzer Ausflug auf das Dach des SRAM-Trucks vorm Start am Sonntag

Kurz darauf geht’s dann wieder los. Heute habe ich einen Halbschalenhelm für den Anstieg eingepackt—und mit dem läuft es deutlich besser! Locker und entspannt kurble ich heute mit Daniela zur Nato-Base hoch. Obwohl das Zeitfenster und ähnlich eng ist wie am Vortag tu ich mich sehr viel leichter und komme fast entspannt und sogar mit einem kleinen Zeitpolster oben an. An der Verpflegungsstation schnappe ich mir ein Stück Schokolade und Wasser, dann geht’s weiter zum Start von Stage 4. Die Stage macht mir viel Spaß. In der Neutral Zone sehe ich wie Daniela vor mir den Hang hinauftritt. Ich habe also noch nicht so viel Zeit verloren. Aber am den Ende der Neutral Zone ist das irgendwie alles vergessen. Mittendrin vergesse ich sogar dass ich mich gerade in einem Rennen befinde. Ich kurve einfach nur noch mit einem fetten Grinsen im Gesicht dahin…bis mich einige Zuschauer die laut schreiend am Streckenrand stehen wieder daran erinnern dass dies eine Rennstrecke ist. Kurz freue ich mich drüber dass ich den Rennaspekt vor lauter Freude am Fahren vergessen habe und trete motiviert in die Pedale. Wow, ich bin so froh dass ich nicht aufgegeben habe!

Vor der Stage 5 habe ich wegen der schwierigen Felspassage am Anfang großen Respekt. Viel zu vorsichtig und langsam fahre ich daher durch den oberen Teil der Strecke und verschenke viel Zeit. Allerdings stört mich das nur ganz wenig, ob ich nun den vorletzten oder den letzten Platz mache ist ja nun mal wirklich egal (im finalen Ranking entdecke ich dass ich auf der Stage sogar Platz 35 gemacht habe, und damit gar nicht so schlecht war wie gedacht).

Auf Stage 5 bin ich im Rennlauf unnötig verhalten unterwegs. Aber hey, Sicherheit geht vor!

Auf Stage 5 bin ich im Rennlauf unnötig verhalten unterwegs. Aber hey, Sicherheit geht vor! Foto: Joschi

Stage 6 verlief so unauffällig wie die Stage war. Das Treten war anstrengend, aber sonst fällt mir dazu auch im Nachhinein nicht ein. Eine der Mädels hatte auf der Stage einen Platten, da es bei mir ja ohnehin nicht auf die Zeit ankommt konnte ich sie überreden ihr beim Flicken zu helfen (sie hatte Angst dass ich sonst eine Zeitstrafe bekomme wenn ich es wegen ihr nicht rechtzeitig zur letzten Stage schaffe, und wollte sich daher partout nicht helfen lassen). Naja Beeilen musste ich mich dann trotzdem, allerdings waren meine Beine an dem Tag wohl in irgendeinem seltsamen Stadium unendlicher Power (oder sie wussten dass nach den Strapazen die Off-Season wartet und wollten möglichst schnell dort hin) und so hatte ich vor der Stage noch ganze 10min Wartezeit bis zum Start. Die Zuschauermengen von der Stage waren bis zum Start zu hören. Langsam wurde ich wieder nervös. Mann wäre das peinlich laufen zu müssen wenn da so viele Leute stehen. Aber gut, hilft ja nicht, mein Wille ins Ziel zu kommen war größer als die Angst sich zu blamieren. Dann war ich an der Reihe. Ein letztes Mal zählt der Stage Director die Sekunden runter „five, four, three, two, one, GO!“ Und dann bin ich unterwegs.

Sooooooooo viele Menschen habe ich noch nie bei einem Rennen erlebt!! Foto: www.enduroworldseries.com

Stage 7: So viele Menschen habe ich noch nie bei einem Rennen erlebt!! Foto: www.enduroworldseries.com

Und stehe nach den 100m wieder. Mist, diese 90grad –Linkskurve wusste ich nicht mehr, das geht ja gut los. Schnell hebe ich mein Hinterrad herum, dann geht es weiter. Nach kurzer Zeit stehen die ersten Zuschauer an der Strecke, ich nehme sie aber kaum wahr. Nach dem Tretstück sehe ich Daniela, sie ist leider gestürzt und fährt nun kurz vor mir. Ich nehme mir vor an ihr dranzubleiben, in der Hoffnung dass ich im unteren, schwierigen Teil einfach ihre Linie nachfahren kann. Und es funktioniert!! Hochkonzentriert schaffe ich es, in Sichtweite zu ihr zu bleiben, auch wenn sie verdammt schnell ist! Die 2000 Zuschauer am Streckenrand nehme ich nicht mehr wahr. Das Zielschild nehme ich ebenfalls nicht wahr, nur die Stimme die mir „Finish“ zuruft höre ich und sehe Daniela anhalten. Einen Moment später realisiere ich, dass ich es tatsächlich geschafft habe! Ich bin alle Stages eines Enduro-World-Series Rennens gefahren und hab sie (fast) sturzfrei überstanden! Ich bin so glücklich dass mir Freudentränen aus den Augen kullern. Wow so ein Wahnsinnsgefühl! Ich könnte in diesem Moment nicht glücklicher sein. Leider dürfen wir nicht lange stehen bleiben, der Platz ist zu eng, also rollen wir schnell weiter und kurbeln die letzten 3 Kilometer zurück von Varigotti nach Finale. Als wir das letzte Mal durch den großen Triumphbogen der als Ziel dient rollen könnte ich schon wieder heulen. Ich hab es tatsächlich geschafft. Ich bin so stolz auf meine Leistung, und würde gleichzeitig am liebsten alle umarmen die mir in den letzten Tagen gesagt haben „du machst das!“

Direkt nach dem Rennen zieht es mich kurz an den Strand; kaum zu glauben dass ich es tatsächlich geschafft habe!

Direkt nach dem Rennen zieht es mich kurz an den Strand; kaum zu glauben dass ich es tatsächlich geschafft habe!

Als Belohnung gibt’s dann auch erst mal einen großen Becher Eis. Und danach eine ausgiebige Dusche um den ganzen Staub loszuwerden. Später gehen wir dann noch zur großen Siegerehrung bei dem sowohl die Sieger des Rennens als auch der Gesamtserie prämiert werden. Sehr lustig ist vor allem die Ehrung der Gesamtsiegerinnen. Platz 1-3 des Rennens in Finale sind gleichzeitig Platz 1-3 der Gesamtwertung. Und da bei der ersten Champagner-Spritzerei wohl einiges in die Augen gegangen ist, treten die drei Damen Cecile Ravanel, Isabeau Cordurier und Anita Gehrig bei der zweiten Ehrung mit ihren Goggles an; ihr seid super Mädels!!!

Mir bleibt damit jetzt nur noch DANKE zu sagen an alle die mich unterstützt haben! Ganz ehrlich, ohne Euch dir mir gesagt haben, ich hätte das Zeug dazu dieses Rennen durchzuziehen hätte ich wahrscheinlich aufgegeben!! Ohne Euch würde es auch diesen Bericht hier nicht geben! 🙂

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  1. Andrea Hilpert 11. Oktober 2016 at 11:13 · · Antworten

    BRAVO!!!
    Habe großen Respekt vor deiner Leistung!
    Weiter so,Steffi!

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