Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal am Karwendelmarsch teilgenommen. Schnell war klar, dass der Leitspruch „Die Legende lebt!“ mich in den Bann gezogen hat und ich nochmal starten möchte. Doch dieses Jahr stellte mich die Teilnahme vor allem mental vor wahnsinnige Herausforderungen.

Seit April diesen Jahres plagen mich Hüfte- bzw. Rückenprobleme. Nach (unzähligen) Arztbesuchen und Untersuchungen bin ich genauso weit wie Anfang April. Konkret heißt das in Zahlen der Vorbereitung: Letztes Mal gelaufen beim Womenstrail (Mai), Höhenmeter zu Fuß kaum, weil ich immer die Berge auf dem Trail hinunter

laufen will und es nicht schaffe zu gehen und somit meine Vorbereitung als recht dünn beschrieben werden kann. Ich hatte für mein Laufniveau ambitionierte Ziele: Sub 10 Finish hieß es letzten Sommer. Den Winter über habe ich dann ernsthaft mal mit dem Laufen in der Ebene angefangen und startete in den Frühling mit einer „eigentlichen soliden Laufgrundlage“. Schlussendlich muss ich sagen, dass ich mich nicht als vorbereitet für den Karwendelmarsch nennen konnte.

Dieses Jahr war ich wieder nicht alleine beim Karwendelmarsch, Freundin Anne war mit. Im Vorfeld haben wir viel überlegt, was ich tun soll. Ob es langfristige Schäden gibt, ob ich die Schmerzen aushalte, ob wir uns auf dem Marsch trennen sollten, jeder alleine schaut wie weit wir kommen, was wir nach der ersten Etappe bei Kilometer 35 machen – usw. Relativ schnell war klar, wenn dann machen wir das nur zu zweit – wenn wir bis nach Pertisau kommen wollen kann auf 52 km und 2280hm ne ganze Menge passieren. Der beste Ausspruch vorab war dann von Anne „Des wird am Samstag ne gemütliche etwas längere Wanderung“ – weil es war ja klar, dass ich keinesfalls laufen sollte.

Am Donnerstag fuhren wir also bereits nach Scharnitz, um vorab einen Tag länger zu relaxen. Dank gutem Wetter waren wir im Seebad in Seefeld beim Plantschen.

Am Freitag hieß es dann schon zu Mittag Pastaparty. Vormittags hatten wir schon all unsere Startunterlagen abgeholt und es war wie immer alles top organisiert, die Stimmung super und alle Fragen waren schnell beantwortet. Karwendelmarsch – die können das.

Samstag…..bis zum Startschuss…

Kurz vor Start!

4:45 Uhr klingelt der Wecker und wie so oft hab ich gefühlt nicht geschlafen und frage mich, was wir hier ERNSTHAFT machen – Mitten in der Nacht! Unsere Pension ist schon auf den Beinen und wir treffen weitere beim Frühstück.

5:40 Wir traben / stolpern in völliger Dunkelheit Richtung Start. Ich hab gleich mal meinen Wechselbeutel für Pertisau vergessen und schau schlafend aus der Wäsche, als Anne mit dem ersten Sprint des Tages zurück hetzt mein Zeug holt und mir freudestrahlend den grasgrünen Beutel in die Hand drückt. Soviel gute Laune und Energie überfordert mich!

5:55 Wir stempeln auf der Stempelkarte den ersten Stempel vor dem Start. Zum Glück muss ich das gerade nicht machen, ich schlafe noch und frieren muss ich auch noch – schlechte Kombi!

6.00 Es geht los, 2500 Marschierer, Läufer, AthletInnen jeglicher Alters- und Konditionsklassen starten, um sich einen tollen Tag im Karwendel zu machen.

 

…..bis zum ersten großen Punkt Karwendelhaus (KM 18,2)

Ab zum Karwendelhaus

Es geht wellig zum Karwendelhaus, vorbei an der ersten Verpflegung (Schafstallboden 9,6km) an der es den sehr leckeren Kräutertee gibt, der meine Glieder bei 13 Grad wärmen muss. Das erste große Ziel: Schmerzfrei am Karwendelhaus ankommen.

Gesagt getan. Es geht. Nein wir gehen. Auf zur nächsten Verpflegung.

 

 

…..kleiner Ahornboden (KM 24,2)

Ahornboden wir kommen

Den kleinen Ahornboden erreichen wir ohne größere Probleme. Was dieses Jahr deutlich angenehmer ist, ist das Wetter. Es brennt nicht erbarmungslos vom Himmel. Ich bin ganz gut drauf und habe mich mittlerweile damit abgefunden, dass ich heute nicht umher hopse, Steine herunter springe und bergab gemütlich jogge, wie es sonst so liebe…..dass sich da als Trugschluss entpuppt merke ich später auf dem Trial in die Eng.

 

 

…..Falkenhütte (KM 30,1)

Anne macht Mulitempo, ich trottel hinterher

Hier passt das erste Mal der Spruch (entschuldigt mal alle den Ausspruch hier) „Hinten ka*** die Ente“. Bin ich letztes Jahr an diesem Anstieg wie ein Blümchen jämmerlich eingegangen hat Anne die Aufgabe nicht zu schnell los zu hatschen am Berg – ich mach das nämlich total gern. Am Anfang denke ich mir noch „oooooch hopp“, aber es stellt sich schnell heraus, dass das genau unser Tempo ist. Wir hatschen an unzähligen Teilnehmern vorbei und nehmen diesen fiesen steilen Anstieg hintereinander her trottend im Mulitempo ratzifatzi unter unsere Sohlen und passieren auch den nächsten Punkt, die Falkenhütte. Wie immer: Trinken, stempeln, auffüllen, Essen, weiter.

 

 

……Eng (KM 35, 1800Hm zurück gelegt)

Der Weg bis von der Falkenhütte zum Abstieg in die Eng

Runter in die Eng staut es sich. Und mich nervt es irgendwie. Irgendwie volle bolle. Da darf ich schon nicht so rumhopsen und laufen und sausen und dann bin ich durch die Gehgeschwindigkeit in einem Stau am Trampelpfad.

Ganz schlecht, kleine Monster im Kopf kommen auf und ich fange an zu fluchen. „Ina sei brav“ kommt irgendwie von rechts/hinten und Anne erinnert mich daran, dass wir heute ein größeres Ziel haben – das Ziel heute nach Pertisau zu kommen mit allen Schwierigkeiten, die unsere Leben (und davon hatten wir die letzten Monate ne Menge) zuletzt beschäftigt hatten.

 

Jo, hast ja Recht – also erstmal in der Eng ne Suppe geschnappt und die Beinchen etwas ausgeruht. Die Strecke entzerrt sich, gefühlt setzen sich gar nicht mehr so viele in

Eng ist in Sicht – rechts geht der Weg weiter bergauf Richtung Pertisau

Bewegung. Lauter stolze Gesichter um uns, die hier finishen. Am Weg Rand zufriedene Gesichter, die noch weiter wollen – so wie wir. Nach kurzer Pause und je zwei Bechern Suppe (man hat die fantastisch geschmeckt!) später trotten wir weiter Richtung Binsalm. Ab hier trotten wir wieder hinter einander her. Ich vorne weg, Anne hinter her.

 

 

 

…..Binsalm (KM 38)

Jaaaaa so schnell eine weitere Verpflegung nach der Eng? Genau. Und gut so. Denn jetzt kommt hier der Spruch zum zweiten Mal zum tragen (Hinten ka*** die Ende) und das kleine Monster liegt vor uns – Gramaisattel mit 1903m! Und der Aufstieg schaut gar nicht so fies aus, bis man um diese eine Kurve kommt und alle Teilnehmer wie die Ameisen rechts-links sich den Berg wie an einer Perlenschnur hinauf kämpfen sieht.

 

Ab zum höchsten Punkt!

….. Gramaisattel / Gramai Hochleger (KM 41,5)

Wir sind gut unterwegs, ich bin in meinem Element. Mir geht’s gut, die Beine machen besser mit als befürchtet, ich hab genug gegessen und getrunken und mittlerweile plaudert mir Musik ins Ohr, weil Anne eine kleine Sendepause von meinem Geplapper und einen Schrittmacher vor sich braucht. So trotten wir also den nächsten Ansteig hoch – immer gleichmäßig hört man unsere Stecken und zum Glück bekomm ich keine Stockspitze in den Hintern. Das ist nämlich unser Zeichen, dass ich zu schnell bin, wenn ich Musik auf den Ohren hab.

 

Höchster Punkt, ab jetzt „nur noch begab“

Beim Aufstieg sehen wir unzählige Teilnehmer, die erschöpft pausieren müssen (mitten in der Sonne sitzend). Besorgt fragen wir ein Paar, ob alles okay sei – und trotten weiter, um keine zwei Kehren später mit lauten panischen Hilfeschreien umzudrehen. Wir kommen dort an, der Mann ist zusammen gebrochen und liegt quer am Weg. Nach der Stabilisation des Mannes ist kein Halten mehr. Wir  schauen so schnell wie möglich zur Bergwacht zu kommen, weil es keinen Handyempfang gibt. Anne wuselt sich schneller durch, ich helfe noch einer Frau in den Schatten, die sehr matt aussieht. Nachdem die Bergwacht informiert und auf dem Weg ist klatschen wir in die Hände und freuen uns – woohooo Gramaisattel du kleines böses Monster, wir haben dich bezwungen, in einem Rutsch abgefrühstückt und klein kriegst du uns nicht. Und hey, an Marathon wären wir heute dann auch mal gelatscht. Olé! Ich bin voller Energie, es fühlt sich alles „fast“ super an (an mehr sollte man da eh nicht denken).

 

Hey einstellige KM!

Am Gramai Hochleger gibt es wieder lecker essen, wir essen und trinken und gehen weiter. Denn jetzt wird’s steil – anders rum: Steil bergab und das mein ich ernst. Wir müssen feststellen: Der Ofen war bei Anne halb aus, jetzt flammt er nur noch ganz leicht. „Jetz simma so weit gelatscht, jetz gemma den Rest der gemütlichen Wanderung ah noch“. (Fast hätt es batsch gemacht)

 

 

 

Teer!

Falzturmalm (KM 48,2)

Zugegeben – hier her zieht es sich etwas. Man fragt sich, ob man da je noch ankommt an der magischen letzten Verpflegung. Ja kommt man, ganz sicher. Auch wenn man eine ganze lange Zeit einfach nur aus einem Tal hinaus läuft und sich fragt, wann das endet. Ja und dann steht man bei KM 48, weiß, dass es nur noch knapp 4 Kilometer sind und dann kommt der schwierige Teil: Platte, öde 4 Kilometer Teer. Einfach so, nah einem grandiosen Bergtag. und ich frag mich auch dieses Jahr wieder „eeeeecht jetzt?“

 

 

 

Musik auf die Ohren!

Wir trotten immer noch vor uns hin, ich lege uns eine „Einsammelstrategie“ der Marschierer vor uns zurecht, damit wir nicht an Tempo verlieren. Ich trotte immer noch vor Anne und bin ein plapperndes Radio. An dieser Stelle: Wahnsinnig gekämpft hier Anne! Wir sammeln noch so einige auf dem Weg ein, weil wir echt zügig vor uns hin gehen Wir kommen endlich in den Ort Pertisau und man kann das Ziel schon riechen. Und dann joggen wir den letzten Kilometer. Mit einem riesigenLuftsprung Hand in Hand überqueren wir die Ziellinie eines sehr langen Marsches von 52 km und 2280hm.

 

 

 

Ziel!

Fazit:

Wir sind nach 11:29 Std. gehend in Pertisau angekommen. Vielleicht mag man sagen, dass das weit weg vom gesteckten Ziel ist – sicherlich!

Doch dieser Tag hat mal wieder gezeigt, dass man zu zweit gerade dann stärker ist, wenn man einen Tiefpunkt hat und der andere vor einem her trottet, zieht und motiviert, sich kümmert. Für mich war dieser Karwendelmarsch mehr als nur ein Finish oder so ein Streckenmonster langweilig gehend zu bewältigen. Ich bin nicht gut vorbereitet bzw. gut trainiert an den Start gegangen. Doch die Sicherheit zu wissen, dass ich nicht alleine bin und wir das zusammen durch ziehen lässt einen mental viel stärker sein, als man denkt. Danke Anne. Ja ich hatte Hüfte, ja das war nicht „optimal“ und die Füße heilen heute immer noch. Doch der Kopf war stärker als diese doch recht lange Strecke – das kleine Monster =)

Aber hey, für mich sind Ziele auch da, um Richtungen vorzugeben und daran zu knabbern. Also heißt es 2018: Sub 10! Gell Anne…..

 

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