Ich hab neulich jemanden kennengelernt, der vorletzte Saison an einem MTB-Fahrtechnikkurs bei einem renommierten Anbieter teilgenommen hat. Und der sogar ab und zu im Bikepark fährt. Wir fuhren zusammen eine kleine Tour. Weil ich neue Mitbiker sicherheitshalber vor dem Losfahren frage, ob ihnen korrektes Bremsen geläufig sei, meinte mein Mitradler, ja klar, er habe da mal diesen Kurs im Chiemgau gemacht. Ah prima, dachte ich, der würde jetzt gut fahren.

Denn in unserem schönen Sport kann man sich von gut ausgebildeten Fahrtechniktrainern und –Trainerinnen beibringen lassen, wie man richtig mit seinem Bike umgeht. Man lernt Brems- und Kurventechnik, Haltung, Reaktivität, Schwerpunktlage, Antizipation… all die guten Sachen die dafür sorgen, dass man nicht dauernd absteigen muss oder über den Lenker geht, sondern stattdessen geschmeidig über Stein und Wurzel flowt. Man bekommt die entscheidenden Kommandos eingeprägt: „Ellenbogen raus, Hände lastfrei am Lenker! Pedale auf gleicher Höhe! Gewicht vollständig auf den Pedalen! Blick weit voraus! Lächeln!“ Usw.  Das prägt sich in die letzten Hirnwindungen hinein, um dort auf ewig zu sitzen. Oder? Offenbar nicht.

Denn die Fahrtechnik des Kollegen war optimierungsfähig, das war sichtbar. Den Kurs hatte er offensichtlich irgendwie vergessen. Ich fand das ziemlich krass und frage mich jetzt: Wie kommt das?

Die Lernfähigkeit des Menschen ist an sich hoch. Ob sich Lerninhalte, besonders im Bereich Bewegungslernen, aber soweit im Gedächtnis festsetzen, dass sie auf Dauer angewendet und selbsttätig optimiert werden, das hängt von ein paar Faktoren ab.

  1. Die Motivation. Eigentlich ist klar dass jemand, der sich für nen Fahrtechnik-Kurs anmeldet, auch motiviert ist zu lernen.
  1. Die Stimmung. Je positiver die Stimmung in der Gruppe, desto leichter werden Lerninhalte auf- und angenommen. Also ist der Trainer nicht nur pädagogisch, sondern auch ein wenig als Entertainer gefordert. Wenns lustig zugeht, ist Dopamin im Hirn unterwegs, da freuen sich die Nervenzellen und das Gedächtniszentrum.
  1. Die Vermittlung der Lerninhalte. Der FT-Trainer soll gut zeigen können, wie das geht was die TLN lernen sollen. Er muss die Abläufe, Erfordernisse und Kniffe so erklären, dass es jeder TLN am Ende verstanden hat und korrekt üben kann.
  1. Die Art der Einübung. Man kann die Teilnehmer üben lassen und sie laufend mit Feedback überschütten. Man kann aber auch üben lassen mit exakt dosiertem Feedback und der Anregung, das Gelernte zu variieren, selbst zu erspüren was gut funktioniert – und wie es sich dann anfühlt, wenn man das Altgewohnte mit dem Neuen vergleicht. Diese zweite Version zeigt erwiesenermaßen sehr gute Resultate in der Umsetzung der Lerninhalte. Eigentlich auch logisch, denn wer Zeit hat zu spüren, dass z.B. eine bessere Haltung auf dem Bike sich deutlich besser auf dem Trail anfühlt, bei dem hat sich das innerlich schon verankert.
  1. Emotionen! In unserem Hirn sitzt ein kleiner Schaltkasten, der Nucleus Accumbens. Der ist auf die Bewertung von Sinnesreizen spezialisiert, und wird aktiv wenn etwas z.B. neu, überraschend oder unerwartet ist. Dann sorgt er für die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin, und das wiederum erhöht die Wahrnehmungsfähigkeit. Wenn also in einer Übungssituation der Teilnehmer ein starkes positives Aha-Erlebnis hat, dann ist auch die Aufnahme- und Merkfähigkeit stark. Also muss man als Trainer intensive Lernmomente bieten. Dann sind die TLN hellwach, hirnaktiv und richtig gut aufnahmebereit.

Sind diese Punkte im Kursablauf berücksichtigt, dann verinnerlichen die TLN die Inhalte soweit, dass sie in der Grobkoordination schon mal alles korrekt hinkriegen, und dass sie danach selbsttätig in die nächsten Phasen des Bewegungslernens eintreten könnten. Ob das aber tatsächlich eintritt, darauf haben Fahrtechniktrainer und –Trainerinnen keinen Einfluss mehr. Und darum gibt es viele Mountainbiker, die ihren Fahrtechnikkurs nicht „ausleben“, sich nicht fertig entwickeln in ihrem Bewegungslernen. Das ist eigentlich sehr schade.

Oder eben starkes Argument für mehrtägige Fahrtechnik-Camps. Weil man da dranbleibt am Gelernten, und evtl. schon in Phase 2 des motorischen Lernens, die Feinkoordination, eintreten kann. Dann werden aus Kursteilnehmern wirklich bessere Mountainbiker. Wenn in den Wochen und Monaten danach noch Phase 3 des motorischen Lernens stattfindet, die selbsttätige Anpassung und Optimierung, dann hat der Kurs gewirkt. Und dann reichts auch für mehr als Flow County Trails.

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