Sie ist Iranerin und wuchs in Schottland auf. Sie lebte bei Pflegeeltern, auf der Straße, überlebte Gewalt und Missbrauch und war kurz davor, am Leben zu verzweifeln. Doch Isbhel Taromsari ist eine Kämpfer-Natur – und das Rad schon immer ihr stärkster Partner. Sie beschloss, dass ihre Vergangenheit nicht ihre Zukunft bestimmen dürfte, studierte, wurde eine der stärksten Bahnsprinterinnen in den UK und im Iran und folgte schließlich dem Ruf ihres Abenteurer-Herzens auf eine Reise mit dem Rad rund um die Welt. Seit einigen Jahren ist sie als „World Bike Girl“ nun unterwegs und hat dabei nicht nur sich selbst, sondern im unermüdlichen Einsatz gegen menschliches und tierisches Leid auch eine neue Mission gefunden.

Wie hast du mit dem Radfahren begonnen?
Das Rad hat meiner Familie in Zeit von Armut während der Iranischen Revolution geholfen. Meine  Mutter wurde 1979 mit Zwillingen in Manchester schwanger und alle waren ganz aufgeregt. Aber dann kam die Revolution und alles hat sich für meine Familie verändert: Die iranische Regierung unterband alle Geldsendungen aus dem Iran – was Millionen von Iranern rund um die Welt traf. Mein Vater studierte gerade Architektur als plötzlich über Nacht das Geld von seinen Eltern ausblieb. In dieser Zeit wurde das Rad zum wertvollsten Gut für meine Familie.  Jeden Tag fuhr mein Vater damit 35 Meilen zum College hin und wieder zurück. Einmal die Woche radelte er mit einem großen Rucksack auf dem Rücken die großen Städte ab, um einen Sack Kartoffeln zu kaufen – weil sie dort billiger waren. Ab einem Alter von 1 ½ Jahren saß ich in einem Sitz hinten auf dem Rad meines Vaters. In meiner frühen Kindheit  war das Rad so ein wichtiger Teil unseres Lebens, dass mir das Radfahren einfach ins Blut übergegangen ist.
Noch heute habe ich keinen Führerschein. Radfahren ist mein lebenslanger Beitrag für die Umwelt. Ich denke, das Rad ist dem Auto als Erfindung weit überlegen. Jemand, der mit dem Rad in die Arbeit fährt anstatt mit dem Auto, verlängert sein Leben – welchen positiveren Effekt kann es geben? Radfahren verbessert die Gesundheit nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Es neutralisiert den hohen Stresslevel den das moderne Leben uns auferlegt. Du bist glücklicher beim Radfahren als beim Autofahren. Das ist wissenschaftlich belegt. Und was auf unserer Lebensreise ist wichtiger als glücklich zu sein?

Was gefällt dir am besten am Radfahren – gerade im Vergleich mit anderen Sportarten?
Die Welt mit dem Rad zu bereisen, lehrt dich, dass Radfahren so viel mehr ist als nur Sport  – und genau das macht es für mich besonders. Durch das Radfahren kann man nicht nur sein Leben sondern seinen ganzen Lebensstil verbessern. Die Fortbewegung mit dem Rad kennt keinen Unterschied zwischen Arm und Reich, sie fügt der Umwelt keinen Schaden zu und sie hält dich gesund und länger am Leben.

Die meisten von uns Radln vor allem für den Spaß. Was ist und bedeutet Radfahren für dich?
Radfahren ist Spaß – genau darum radle ich durchs ganze Leben, ob auf Touren, bei  Straßen- oder Bahnrennen, im Gelände oder überall, wo ich hin will oder muss. Ich bin glücklich und gesund auf meinem Bike; ob ich zum Einkaufen unterwegs bin, Freunde besuche oder die Welt bereise – ich sitze auf meinem Rad.

Was war der Auslöser dafür, , dass du dem Rennenfahren den Rücken gekehrt und stattdessen beschlossen hast: Jetzt bereise ich die Welt mit dem Rad?
Ich wollte meine Werte nicht mehr verraten, daher habe ich mit dem Rennenfahren aufgehört und bin an Bord meines größten Traumes gegangen bin:  Die Welt zu „erradeln“.

Was war deine Motivation als du deine Reise begonnen hast? Worauf hast du gehofft, von was hast du geträumt? Hattest du eine Mission, ein bestimmtes Ziel?
Eine leise Stimme in mir wollte schon immer die Welt mit dem Rad bereisen – aber der Alltag hat sie lange übertönt.  Eines Tages hab ich alles hinter mir gelassen, um dieser Stimme zu folgenden und sie meinem Lebensmittelpunkt zu machen.
Ich wusste damals nicht, ob ich mein Ziel wirklich erreichen würde – aber das war okay.  Versagen gibt es nicht, wenn man seinen Träumen folgt. Woher weißt man, ob du etwas magst oder nicht bevor man es probiert hat? Wenn ich sterbe kann ich nichts mitnehmen, von daher bedeuten mir Besitztümer wenig. Meine Leidenschaft im Leben gilt den Erlebnissen.

[Bilder: World Bike Girl]

Jetzt, nachdem du 2 ½ Jahre unterwegs bist, 16 Länder mit dem Rad bereist hast: was von deinem Traum ist übrig geblieben, was hat sich verändert?
Am Anfang träumte ich vom Radfahren und von tollen Landschaften; ganz unbewusst rutschten humanitäre Themen immer mehr in den Mittelpunkt… Ich kann einfach nicht an einem Menschen oder Tier in Not vorbei radeln.

Wenn du zurück schaust: Worauf bist du (besonders) stolz?
Ich erstarre vor Schreck bei Spinnen, Schnecken, Schlangen, Skorpionen und allem anderen, was kriecht und fleucht – von daher musste es unbedingt eine Tour durch den Brasilianischen Pantanal Dschungel sein.  Die quälende tropische Hitze hat mich dazu gebracht, in Alligator- und Piranha-Gewässern zu schwimmen.  Wie Pinoccio seinen „Ich bin ein echter Junge“-Moment, hatte ich mein „Ich bin ein echter Abenteurer“ –Erlebnis beim Brustschwimmen umgeben von wachsamen Krokodilsaugen.

Was war für dich die bisher intensivste Erfahrung auf deinen Reisen – positiv wie negativ?
Das war, wie Lucy in meinen Armen gestorben ist. Sie war ein Straßenhund; ich hatte sie in der Türkei gerettet und wir sind Hunderte von Meilen gemeinsam gereist, um anderen Straßenhunden zu helfen.  Ich erinnere mich daran, wie ich Lucy tränen überströmt durch die Straßen einer türkischen Stadt getragen und um Hilfe gebeten habe. Straßenkinder, schwarz vor Dreck, durchwühlten die Mülltonnen und ich habe sie verzweifelt um ihren Anhänger angefleht, um Lucy irgendwo hin zu bringen, wo man ihr helfen kann. Aber niemand hat mich verstanden.

(Bilder: World Bike Girl)

Von dem, was du bisher gesehen hast: was hat dir am besten gefallen (Landschaften, Kulturen, Traditionen…., ganz egal)?

  • An den Küsten von Kroatien, Türkei und Brasilien entlang zu fahren war die „Radfahrer-Version“ des weltbesten Standurlaubs.
  • Wandern im Torres del Pain National Park in Patagonien muss man einfach erlebt haben.
  • Die letzten Schritte von Che Guevara durch Bolivien mit dem Rad nachzufahren und direkt vor dem Klassenzimmer in dem er hingerichtet wurden, unter den Sternen zu schlafen.
  • Die Anden mit dem Rad zu überqueren und es dabei auf 5.000 Meter Höhe hinauf zu schaffen.

Und was hat dir am wenigsten gefallen?
Belästigungen von Männern. Am wenigsten ist mir das in Chile und Bolivien begegnet. Am schlimmsten hingegen war die Türkei – bei weitem. Ich würde die Türkei keiner allein reisenden Frau empfehlen, die bisher nur wenig Erfahrung mit Radreisen hat.

Wie haben das Reisen und das, was du unterwegs gesehen hast, dich als Person verändert?
Ich habe jetzt die Zeit und bin frei von sozialen Normen um wirklich Ich selbst zu sein. Ich bin weit mehr „geerdet“ und das, was ich erlebt habe, hat mein Herz geöffnet.

Und hat sich die Welt durch deine Reisen auch ein Stück weit verändert?
Ich kann im Handumdrehen 30.000 mithelfende Hände aktivieren. Meine Online-Follower geben mir die Macht, Leben zu verändern. Einen Menschen und ein Tier nach dem anderen.

(Wie) Planst du deine Tour? Wie entscheidest du, wohin es dich als nächstes zieht?
Ich plane nicht. Ich bin hier, dort und überall – und folge einfach dem, was ich auf der Straße höre. Meine Weltreise ist keine gerade Linie.

Wovon lebst du?
Ich habe einen “Spenden”-Knopf auf meinem Blog und lebe von dem, was meine Leser geben. Wenn jemanden ein Blog-Eintrag von mir gefallen hat, spendiert er mir einen Kaffee, ein Essen oder eine Nacht in einem Hostel. Die meisten Spenden kommen mit der Auflage, davon ein Bier oder einen Whiskey trinken zu gehen.  Klare Folge (m)eines schottischen Akzents!

Deine Blogs www.worldbikegirl.com und www.worldbikekids.com sind also essentiell für dich. Worüber bloggst du und für wen?

  • “World Bike Girl” folgt meinen Abenteuern rund um die Welt und inspiriert andere, aufs Rad zu steigen und ihre Träume zu leben.
  • Ohne Rückhalt durch die World Bike Community könnte ich das, was ich tue, nicht machen. Wir nutzen Social  Media, um gute Dinge zu verwirklichen!
  • Technologie verführt Kinder dazu, immer mehr Zeit drinnen als draußen in der Natur zu verbringen und viele Erlebnisse zu versäumen … und Gewohnheiten, die sich in der Kindheit prägen, halten ein Leben lang. Das ist die Inspiration hinter „World Bike Kids“.

Warum gibt es zwei verschiedene Blogs?
Sowohl Lehrer als auch Eltern haben mich kontaktiert und mir von Kindern erzählt, die meiner Reise folgen und davon inspiriert werden, selbst auch auf Rad zu steigen.  Ich hatte das Gefühl, nicht alles von „World Bike Girl“ sei geeignet für Kindern, darum habe ich noch „World Bike Kids“ aufgebaut.

Du fährst und reist ganz alleine. Wie gehst du mit Einsamkeit um? Bist du niemals ängstlich oder hast das Gefühl, in Gefahr zu sein?
Auf dem Rad fühle ich mich niemals einsam, aber wenn ich unter Leuten bin, fühle ich mich manchmal allein – in einem Raum voller Leute etwa, die ich nicht verstehen kann, da sie eine andere Sprache sprechen.

Warst du schon einmal an dem Punkt an dem du gesagt hast: „Jetzt reichts, ich geh nach Hause!“?
Noch nie. Ich priorisiere was mir wichtig ist und gestalte mein Leben entsprechend. Ich kann mir nichts Wichtigeres als meine Lieben vorstellen und so fahre ich jedes Jahr nach Hause. Warum etwas opfern, wenn es dazu keine Notwendigkeit gibt?

“Zuhause” – wo oder was ist das für dich?
Zuhause ist für mich kein Ort, sondern dort, wo meine Lieben sind.

Dein starkes öffentliches Eintreten für den Hashtag “IranianWomenLoveCycling” hatte und hat noch heute, ernsthafte Folgen für dich, über die du dir sicherlich bewusst warst. Was ging damals vor in dir? Musstest du abwägen, oder…?
Meinungsfreiheit existiert im Iran nicht. Wenn du die Dinge beim Wort nennst, landest du im Gefängnis oder dir droht die Todesstrafe. Ich bin für viele Jahre stumm geblieben was die Gewalt gegen Frauen im Iran betrifft. Aber die Erteilung einer Fatwa (= eine von einer muslimischen Autorität
auf Anfrage erteilte Rechtsauskunft) gegen das öffentliche Fahrradfahren der Frauen im Iran hat mich angetrieben, mein Schweigen zu brechen. Ich wusste, dass es damit unmöglich werden würde, wieder in den Iran zurückzukehren, um meinen Vater und seine Familie zu besuchen.  Aber was hätte ich tun sollen? Den größten Teil meines Lebens habe ich auf dem Fahrrad verbracht. Ich weinte ein wenig und schritt dann hinaus auf eine Pressekonferenz pro Iranian Women Cycling – und sah zu, wie die Hashtag Bewegung #IranianWomenLoveCycling“ über Boliviens Fernsehnetzwerke hinweg schwappte.

(Bilder: World Bike Girl)

Was sagt deine Familie zu deinem Lebensstil?
Ich war ein Jahr unterwegs als ich in den Iran gefahren bin. Mein Vater wusste, dass ich auf Weltreise war, aber er hatte noch nicht realisiert, dass ich das mit einem Rad tat! Vielleicht hatte ich vergessen, dieses Detail zu erwähnen. Er war schockiert – lach. Aber meine Freunde und meine Mutter sind superstolz.

Eine Iranerin, die in den UK aufgewachsen ist – macht einen das unweigerlich zu einer „politischen Person“?
Es ist sowohl ein Segen als auch ein Fluch hinter die Fassenden zwei solch unterschiedlicher Regime zu schauen.  Ich bin aber nicht „politisch“. Ich traue Politikerin nicht. Ich würde es nur zu gerne sehen, dass die Arbeiterklasse ein Stück weit das Ruder in die Hand bekommt, diese Welt zu steuern.

Schon lange wird das Rad rund um die Welt nicht nur für den Transport von Personen und Gütern, sondern auch von humanitären, politischen und ökologischen Themen genutzt.  Was denkst du, warum besitzt dieses Vehikel so eine Kraft?
Das Rad ist das Symbol von Freiheit und zugleich das  ökologische Transportmittel der Wahl. Man kann beobachten, dass in Ländern, in denen Frauenrechte eingeschränkt werden,  Frauen auch vom Radfahren abgehalten werden – bis hin zum Verbot.  Wenn in einem Land eine Frauenrechtsbewegung wächst, so wächst dort stets auch die Anzahl von Rad fahrenden Frauen. Beides verbindet sich und entwickelt sich im Einklang.  1900 hieß es in einem Volkszählungsbericht in den USA: „Wenige Dinge, die jemals von Menschen genutzt wurden, haben die sozialen Bedingungen so revolutioniert wie das Rad.“

Apropos “Kraft”: Dein Rad wiegt 65kg. Was hast du alles dabei  – und verrate uns: wie schaffst du es, solch ein „Monstrum“ (bergauf und bergab) zu bewegen?
Ich transportiere mein „Heim“, Garderobe, Küche, Büro und meine Überlebensausrüstung  Die Schaltung ist das wichtigste Hilfsmittel, um einen Berg rauf zu kommen. Ich fahre eine Übersetzung mit 22/32/44 Zähnen vorne und 11/34 hinten auf der Kassette, was perfekt ist, um selbst die höchsten Berge der Welt zu erklimmen. Den besten Rat den ich jemals für die richtige mentale Einstellung beim Bergauffahren bekommen habe, lautet: „Denk dir, das ist kein Berg“.  Das ist echt erstaunlich – versuch es!

Viele von uns Bikern fokussieren sich stark auf das Material. Wie wichtig es für dich, „gut ausgerüstet“ zu sein?
Ja, viele Radfahrer in den Wohlstandsgesellschaften fokussieren sich sehr aufs Material; der Rest der Welt fährt einfach Rad. Als Abenteurerin, die auf einigen der extremsten Radpisten der Welt unterwegs ist, bedeutet eine gute Ausrüstung weniger Schmerz und weniger Risiko fürs eigene Leben.  Ich hatte nicht das Equipment, das ich eigentlich gebraucht hätte, um die Anden im Winter zu überqueren, aber ich habs einfach getan. Du musst dich einfach darauf einstellen, viel zu leiden um deine Ziele zu erreichen. Einige haben alles, was sie brauche und haben dennoch keinen Erfolg. Andere haben es nicht, ziehen es einfach durch und schaffen es irgendwie.  Gehöre zur letzten Kategorie!

(Bilder: World Bike Girl)

Was von dem, das du zurück gelassen hast, vermisst du am meisten?
Freunde. Aber Skype hilft hier. Zudem vermisse ich heißes Wasser, Strom und knusprige Chips sowie „deep fried Pizza“.

Wenn du nach vorne schaust: Wo möchtest du in weiteren 2 ½ Jahren sein?
In 2 ½ Jahren hab ich meine Tour rund um Afrika beendet, bin Autorin internationaler Bestseller und mache Dokumentarfilme. Aber mein Leben findet nach wie vor auf dem Rad statt.

Hast du zum Abschluss noch einen Rat für andere Bikerinnen?
In unserer heutigen Welt, in der Ziele und Fortschritt das Leben dominieren, solltest du ganz gezielt auch Zeit dafür reservieren, raus zu gehen und so zu Radln als wärst du noch ein Kind.

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  1. Großen Respekt was diese Frau geschaffen hat. Echt toll. Einfach loslegen, das ist sowieso das gesündeste (für die Radfahrer-Seele).

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