Foto: Bryn Atkinson

Nach einer Kindheit auf dem BMX-Bike holte sie sich 2008 bei den Olympischen Spielen Bronze – um nach diesem Highlight dann final auf größere Räder umzusteigen: Jill Kintner.
Seitdem sammelte die US-Amerikanerin Medaillen, Meistertitel und Podium-Platzierungen über die Disziplinen hinweg – vom 4X über Pumptrack, Slalom, Downhill und nun auch Enduro – und ist damit eine der meistdekorierten Fahrerinnen im Rennzirkus, in den US sogar die Nummer eins. Jede Disziplin hat sie sich mit Akribie hart erarbeitet, sie gilt als Perfektionistin, die genau weiß was sie will und nicht aufgibt, bevor sie ihr Ziel erreicht. So hart sie zu sich selbst sein kann, so freundlich und hilfsbereit ist ihr Ruf anderen gegenüber. Dankbar für die Unterstützung, die sie erhalten hat, liegt es ihr am Herzen, zurückzugeben, den Weg für andere Bikerinnen zu ebnen und den professionellen Bikesport in den USA weiter vorantreiben.    

Jill, wie bist du zum Mountainbiken gekommen?
Übers BMX. Ich war schon mein ganzes Leben auf dem Rad unterwegs und irgendwann sehnte ich mich nach einer neuen Herausforderung, einem Szenenwechsel. Andere Frauen, die einen ähnlichen Weg hinter sich hatten (wie z.B. Tara Llanes oder Leigh Donovan), waren hoch angesehen und sehr erfolgreich darin, mit Mountainbiken ihren Lebensunterhalt zu verdienen und so hab ich es einfach probiert.
Meine Lernkurve war am Anfang ziemlich steil und die Ausrüstung wesentlich technischer, aber das Basiskönnen und richtige Timing hatte ich. Ich musste nur lernen, wie man Kurven fährt, die richtige Linie wählt und all solche Dinge. Meine Schüchternheit half da nicht so wirklich, und „Die Neue“ zu sein war auch nicht so angenehm. Doch zum Glück war Four Cross ein supereinfacher Übergang, um in die Szene rein zu kommen und ich habe wirklich wirklich hart daran gearbeitet, so viel wie möglich aufzusaugen, zu lernen und mich mit der Historie des Sports vertraut zu machen.

Was ist für dich das Schönste am Biken, das Besondere im Vergleich zu anderen Sportarten?
Mir gefällt es, dass es so viele verschiedene Variablen gibt. Du kannst dein eigenes Tempo wählen und bist in einer wunderschönen Umgebung. Ich mag die Menschen, die sich diesen Sport aussuchen. Sie sind irgendwie  alle vom selben Schlag – fast so wie verwandte Seelen, egal wohin man geht oder woher man kommt. Es ist ein großartiger Sport, der dich in so vielerlei Hinsicht dazu bringt, deine Grenzen zu verschieben, und er ist wirklich unverfälscht.

Was war dein schönstes Bike-Erlebnis? Und dein schlimmstes?
Ich denke, all das, was ich bei Olympia erlebt habe, beantwortet beide Fragen. Es war so eine Achterbahnfahrt mit all dem Training, Verletzungen, Operationen, Siegen und Niederlagen, dem Kennenlernen von Athleten der verschiedensten Sportarten, dem Leben im Olympischen Dorf, etc. Aus diesem Abenteuer mit einer Medaille um den Hals herauszukommen, war einfach unglaublich. Aber noch besser war es, dieses Erlebnis mit meinen Teamkollegen zu teilen, die sich eine Bronze- und eine Silbermedaille bei den Männern holten, denn mit Mike Day bin ich z.B. seit Teenagerjahren befreundet. Es war die größte Erleichterung, das Ganze einfach hinter mir zu haben und zusammen mit allen, die uns auf dem Weg begleitet haben, die Erfahrung sinken zu lassen.

[Fotos: privat, Bryn Atkinson]

 

Welches Bike fährst du (am liebsten)?
Das ist eine schwierige Frage mit nur einer Antwort: ein Norco ;-)! Ich denke, ich fahre derzeit am meisten ein 26‘‘-Bike, einfach, weil man alles damit machen kann. Mein kleines Norco Optic Trailbike ist derzeit mein Lieblingsbike, aber man findet selten einen Ort, an dem man gut damit fahren kann. Früher hab ich einfach Kegel aufgestellt und meinen eigenen Kurs im Gras gebaut, aber jetzt leben wir in einer Stadt mit deutlich besseren Möglichkeiten als das. DH-Bikes finde ich ziemlich aufregend und es ist wahrscheinlich nach wie vor das bereicherndste Bike, denn damit gut zu fahren ist aus meiner Sicht am schwierigsten – und das gefällt mir.

Was sind deine 3 Lieblingsprodukte rund ums Biken?
Ich fürchte, ich hab mehr als drei ;-):

  • Mein kleiner Garmin Edge 500 hat sich ziemlich bewährt. Es ist schön, etwas Struktur ins Training zu bringen und die Fortschritte mitverfolgen zu können. Es gibt schon neuere Modelle, aber ich kenne dieses so gut und denke, man braucht nicht allzuviel Schnickschnack – nur einen Timer und einen Herzfrequenzmesser
  • „Freelap timer“ sind unglaublich. Sie machen aus jeder Tour ein Spiel.
  • Bezogen aufs Bike, finde ich es super/gut, wie der Fox X2 Dämpfer das Spiel verändert hat. Er ist etwas tricky einzustellen, aber es ist absolut verrückt, wie er das Fahrgefühl verbessert.
  • Die Maxxis High Roller 2-Reifen sind meine Dauerfavoriten
  • Die Smith PivLock Arena Max-Brille spürt man kaum
  • Die Women Summit Shorts von Sombrio ist meine Lieblingshose

Liegt dir der Wettkampf in den Genen? Wann und wie hast du deine Leidenschaft furs Rennenfahren entdeckt?
Ich denke, ich mag den Wettkampf, weil ich als Zweite geboren wurde. Mein Bruder hat es mir nie leicht gemacht: er war ziemlich gnadenlos  und ich wurde eigentlich nie wirklich wie ein „Mädchen“ behandelt. Die meisten unserer Freunde in der Nachbarschaft waren auch Jungs. Außerdem waren meine Eltern sehr aktiv und schleppten uns immer bei allen möglichen Aktivitäten mit. Da wir ziemlich fit waren, ist das Ganze eher fließend in den Wettkampf übergegangen. Am häufigsten haben wir Fußball und Tennis gespielt.

Deinem Vater gehörte ein BMX-Kurs. Hat da alles für dich begonnen? Wie wichtig und zentral war das Radfahren in deiner Kinderheit?
Er war immer sehr engagiert rund um den lokalen BMX Track. Anfangs hat er ehrenamtlich dort gearbeitet, um für die Eintrittspreise aufzukommen. Nach ein paar Jahren ist die Stelle des Leiters freigeworden, die hat er dann übernommen. An manchen Wochenenden sind wir an drei verschiedenen Locations in je drei Kategorien gestartet. 

Wie wurde aus der Hobby-Fahrerin dann schließlich ein Profi?
Ich schätze, als es irgendwann Preisgelder für meine Altersklasse gab. Da war ich 14 und fuhr in der Pro Open Girls Klasse an der Ostküste. Davor hatte ich meist meine Pokale für jeweils 2€ zurückverkauft und machte so 12$ pro Wochenende, um für Benzin und Snacks aufzukommen.

Wie stark und wie wichtig für dich war die Unterstützung durch deine Familie damals – und wie ist das heute?
Entscheidend. Meine Eltern sind alles für mich. Wir sind durch harte Zeiten gegangen, eine Scheidung, finanzielle Probleme, etc. und ich musste meine Zeit zwischen meiner Mutter und meinem Vater aufteilen, aber die Zeit, die wir gemeinsam und auf Reisen verbracht haben, bedeutet mir unendlich viel.

Norco und Red Bull sind deine Hauptsponsoren. Bist du auf die zugegangen oder kamen sie zu dir? Inwiefern unterstützen sie dich?
Ich weiß gar nicht mehr so genau, wie wir zusammen kamen, aber ich bin sehr dankbar, sie heute zu haben. Red Bull ist mein Felsen in der Brandung. Ohne sie hätte ich keine Olympische Medaille und hätte auch nicht dauerhaft zum Downhill wechseln können. Sie haben einen Leistungsplan und die Mittel und führen uns Athleten zu unseren Träumen.
Und auch Norco, das sind einfach nur die nettesten Leute mit unglaublich tollen Bikes. Ich wähle mir immer die Ausrüstung, die mir am besten zum Sieg verhelfen kann – von daher ist es wirklich toll, dass ich so eine starke Unterstützung von ihnen und auch anderen genießen kann.

2008 hast du ein eigenes Team gegründet. Wie kam das? Was war deine Intention?
Das ist nicht wirklich eine rühmliche Story. Nach den Olympischen Spielen verlor ich meinen Bike-Sponsor bzw. wurde eigentlich gefeuert und dann kam die Rezession. Ich wollte aber weiterfahren – so haben Bryn und ich uns gedacht, dass wir genug Leute kennen würden, um einige Sponsorings an Land zu ziehen. Es gibt uns mehr Kontrolle und Möglichkeiten bei der Auswahl der Produkte, die wir einsetzen wollen, aber es ist auch nicht leicht und du musst komplett selbständig sein.

[Fotos: Paris Gore für Red Bull, Bryn Atkinson]

“Enduro” ist hier ein ziemliches Modewort geworden. Was bedeutet es für dich?
Für mich bedeutete es, auf eine Trail-Tour zu gehen und die Downhill-Abschnitte als Rennen zu fahren. Dieses Format scheint es inzwischen überall zu geben – noch mit ein paar Timing-Problemen die es zu lösen gilt, aber ich find‘s cool. Allerdings ist es nicht so mein Ding, stundenlang irgendwo rauf zu kurbeln, um dann da, wo es gut wird, müde und schlecht zu sein. Ich liebe vielmehr die Intensität beim Downhillen und im Slalom. Enduro ist jedoch für die meisten Leute zugänglicher, man hat die Möglichkeit, mehr als nur einen einzigen Trail zu fahren und es ist mental wahrscheinlich chilliger, von daher finde ich es toll.

Unterscheiden sich die Enduro-Szenen in den US und in Europa?
Puh, das weiß ich gar nicht. Ich bin bisher nur eine Handvoll Rennen an der Westküste gefahren – und fand‘s, ehrlich gesagt, nicht so toll. Die Trails sind flach, so dass es eher wie ein CrossCountry-Rennen ist. Die Franzosen haben’s  raus, die machen das schon seit Jahren und haben kein Problem damit, auch mal einen Sessellift herzunehmen.

In Europe wurden in den letzten Jahren einige der wichtigsten Enduro-Rennserien eingestellt und einige rufen schon das Ende des Booms aus. Wie erlebst du das?
Bisher habe ich davon  noch nichts gespürt, im Gegenteil: Meine Enduro-Karriere hat noch nicht mal so richtig begonnen. Aber es ist schade, das zu hören. Es braucht erstmal eine Testphase, aus der sich die am besten organisierten Events dann hervortun. Der Unterschied zwischen Trailfahren und die selben Trails als Rennen zu fahren, ist ziemlich minimal, von daher interessiert es mich eigentlich eher wenig, ob weniger Leute Geld mit dem Trail-Bau-Engagement anderer machen.

Was ist dein Liebings-Rennevent?
Ich mag Crankworx ziemlich gerne. Sie wissen, wie man ein cooles Event aufzieht, vor allem in Whistler. US Open in der Nähe von New York City ist auch ziemlich gut und hat ein dickes Preisgeld. Und dann, vor ein paar Jahren, das Triple DH-jp, bei dem du 3 Runs fahren  musstest: 2 normale und einen ohne Kette; die Zeiten wurden dann zusammengezählt. Minaar war dort und noch ein paar andere große Namen und die Preisgelder für Amateure und Pros waren immens. Ich glaube, das Tourismusbüro hat das bezahlt. Tolles Preis-Leistungsverhältnis und es hat mir wirklich gut gefallen. So sollte Enduro sein.

[Fotos: Marguss Riga für Norco, Sam Siamo]

In welchem Gelände und bei was für Bedingungen fährst du am liebsten? Und was fordert dich nach wie vor?
Ich mag eigentlich alles. Wo ich lebe, sind die Wälder wirklich dicht und der Boden ist schön erdig mit vielen natürlichen Elementen. Aber, egal in welchem Terrain, wenn du Gas gibst, macht es noch mehr Spaß. In Europa finde ich nasse Trails ziemlich herausfordernd, die Bodenbeschaffenheit und Steilheit macht es schwieriger, aber ich liebe das.

Du fährst nicht nur Enduro-Rennen, sondern bist herausragend erfolgreich quer durch die Disziplinen DH, Pump Track, Slalom, etc.. Was ist für dich  – außer den 2 Rädern 😉 – das verbindende Element, auf dem dein Erfolg fußt?
Ich habe lange hart und mit voller Aufmerksamkeit an jeder Disziplin gearbeitet, von daher habe ich jetzt die Basis, um ziemlich vielseitig zu sein. Ich muss 4-5 verschiedene Bikes fahren, aber das macht das Training auf jeden Fall interessanter.

Wie schwer (oder auch bereichernd) ist es für dich, ständigen zwischen den Disziplinen hin und her zu wechseln?
Manchmal ist es frustrierend, wenn man an einem Wochenende nicht 100% Aufmerksamkeit und Energie  einbringen kann, weil man mehrere Events macht. Ich muss für das Training eine Strategie austüfteln und manchmal kann ich nicht richtig priorisieren. Das ist nicht ideal, aber wenn bei Crankworx am Ende eine 25.000$-Belohnung winkt , dann ist es das wert.

Letzten Juni fand das erste Crankworx-Festvial in Innsbruck statt (und brachte dir 2 Silbermedaillen) – eine große Sache und ein wichtiges Signal für die lokale Szene.  Wie hat es dir gefallen?
Innsbruck ist so eine schöne Stadt, in der die Leute so hart daran arbeiten, die Szene voran zu bringen. Ich habe den Bürgermeister getroffen und er war wirklich begeistert, was daraus noch werden kann. Sie hatten bei ihrer ersten Veranstaltung wirkliches Wetterglück. Hätte es geregnet, wäre es sicherlich eine große Herausforderung geworden. Ich freue mich schon darauf, seine Entwicklung in den kommenden Jahren mit zu verfolgen, es gibt dort wirklich ein großes Potenzial.

Du bist mit der Downhill-Legende Bryn Atkinson verheiratet. Macht das eurer Sportleben einfacher oder eher noch komplexer – mit zwei Ambitionen und Zeitplänen, die es zu vereinbaren gilt?
Ja, wir leben den “Bike-Lifestyle” intensiv aus und funktionieren dabei sehr gut zusammen. Bryn wechselt langsam mehr auf die Medien-Seite und fährt weniger Rennen, aber er kommt zu vielen Events und hilft mir dort, alles zu managen und Fotos zu machen. Es ist gut so und wir entwickeln uns gemeinsam weiter.

Im Sommer werdet ihr wahrscheinlich ständig unterwegs sein. Wie schaut euer “Winterleben” aus?
Winter ist die Zeit, sich zu sortieren, zu trainieren und Pläne zu machen. Früher sind wir oft für 3 Monate nach Australien gegangen und ich weiß gar nicht, warum wir das nicht mehr tun. Ich mag den Winter gar nicht. Nach einer Knie-OP habe ich das Snowboarden aufgegeben und werden vom Schnee jetzt super-deprimiert, denn Biken ist einfach meine Prio.

[Fotos: privat]

2 Räder sind nicht dein einziges Talent: Du  bist auch bekannt für deine Kunst, hast Design studiert. Deine Illustrationen und Zeichnungen schmücken Helme, Trikots, Bikes und Magazine. Ist das dein Ausgleich zum stressigen Sportlerleben oder ein zweites Standbein oder …?
Kunst und Design ist ein gutes “Nebentalent”. Ich bin einige Zeit in New York und San Francisco zur Schule gegangen, aber es stress mich, auf Befehl kreativ sein zu müssen. Daher bin ich zurzeit nur für meine eigenen Projekte oder dann, wenn mich etwas inspiriert, künstlerisch unterwegs.

Wie sieht dein persönlicher Stil aus?
Weiß ich gar nicht so recht. Ich mag „alberne“ kleine Zeichnungen mit Charakter, mag es Klamotten zu entwerfen oder an etwas im Illustrator herum zu feilen. Ich mag es, Sachen zu zeichnen und sie dann digital am Tablet nochmal zu bearbeiten. Unweigerlich wähle ich mir aber immer eine monströse Aufgabe mit vielen kleinen Details – eigentlich treibt mich das in den Wahnsinn.

Wie ist dein “kreativer Prozess”? Zeichnest du einfach, was dir in den Sinn kommt, unterwegs, impulsiv und spontan – oder setzt du dich gezielt an den Tisch, um etwas ganz bestimmtes zu kreieren?
Ja, meistens zeichne ich etwas nur ganz grob und arbeite das dann später aus. Es hängt von meiner Stimmung oder der Zielsetzung ab. Am Ende mag ich Dinge mit einem klaren Ende oder einer eindeutigen Antwort – und das macht mich wahnsinnig an der Kunst. Du musst einfach unendlich viel produzieren, um besser zu werden, und dafür habe ich derzeit einfach nicht genug Zeit. So mach ich es einfach für den Spaß an der Sache und halte meinen Skizzenblock stets bereit.

[Fotos: privat]

 

Welchen Rat möchtest du anderen Bikerinnen zum Schluß noch mit auf den Weg geben?
Lerne zuerst die Grundlagen: Starte mit Balance-Übungen, dann lerne zu pumpen, hüpfen, Kurven zu fahren – und dann steigere die Geschwindigkeit.

Wie gefällt dir GIRLSRIDETOO.DE (von dem her, was du beurteilen kannst))?
Ich finde es toll, dass es Leute gibt, die die weibliche Seite des Sports bekannter machen. Die wächst rapide und es sollte Menschen geben, die den Weg bereiten – so wie Leigh, Tara und andere dies für mich getan haben… An dieser Stelle, danke für die Gelegenheit!

Jill, vielen Dank für deine Zeit und das schöne Interview!

Mehr über Jill findet ihr unter:

[Interview und Übersetzung: Jule]

 

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