VORWORT

Der Wahnsinn: Unsere „Monatsfrauen-Interviews“ gibt es nun mehr seit unglaublichen 10 Jahren! Gut 100 mega-interessante, gänzlich unterschiedliche Frauen aus der Bikebranche haben wir seitdem interviewed und gebannt ihren Geschichten gelauscht.

Leider sind seit dem Umstieg auf die jetzige technische Plattform in 2016 viel zu viele davon nicht mehr öffentlich zugänglich. Wie extrem schade das ist, wurde mir erst so richtig bewusst, als ich viele viele viele davon auf dem „1. European Women’s Outdoor Summit„, der vor wenigen Wochen stattfand (und ich weiß, ich „schulde“ euch immernoch einen ausführlichen Bericht dazu. Er kommt! Versprochen!), getroffen habe – einige davon zum allerersten Mal.

In den Gesprächen hat sich herausgestellt, dass (natürlich) auch bei ihnen die Zeit nicht stehen geblieben ist und sich  oftmals (aber auch nicht immer) zwischenzeitlich enorm viel verändert hat. Das brachte mich auf eine Idee, deren Umsetzung ich mit diesem ersten „Update“-Beitrag nun starte: Wir veröffentlichen von den „Summit-Monatsfrauen“ einfach nochmal das alte Interview – und ergänzen es um ein Update aus der heutigen Sicht rund um die Fragen: „Was hat sich zwischenzeitlich verändert?“ und „Wo stehst du heute?“.


 

Astrid Herzog

Den Anfang machen wir mit ASTRID HERZOG alias „Velomaid“, Monatsfrau 01 aus dem Jahr 2014. Ihre Geschichte lehrt uns eine – wie ich finde sehr wichtige – Lektion: Ausprobieren – Scheitern – Wiederaufstehen –  all das gehört zum Leben dazu. Und macht uns am Ende vielleicht sogar stärker als zuvor.

2014

Ruhig und bedächtig fängt mich Astrid mit meinen „Bike-Ängsten“ auf, erklärt mir, warum Angst entsteht und wie wir das Thema angehen können … Wir sitzen am Tegernsee und ich spiele die Prüfungskundin im Rahmen ihrer Ausbildung zum Sportmentaltrainer. Wäre die Situation echt – ich würde mich ihr sofort anvertrauen. Astrids neue Kompetenz passt nicht nur perfekt zur Person, sondern auch zum bunten Angebot von «Velomaid» (www.velomaid.ch):  Bikeshop- & Werkstatt-Café, Touren- und Fahrtechnik – und nun eben auch Sportmentaltraining. Wir finden: eine Mischung ebenso sympathisch wie die Besitzern selbst…

 

Astrid, wie bist du zum Mountainbiken gekommen?
Ich habe, einem Freund zuliebe, vor einigen Sommern das Stadtvelo gegen ein MTB getauscht. Nach etwas Umgewöhnungszeit habe ich selbst die Vorzüge des Bikens kennen und lieben gelernt.

Was ist für dich das Schönste am Biken, das Besondere im Vergleich zu anderen Sportarten?
Das Schönste sind für mich hochalpine Touren. Und am allerschönsten sind die hochalpinen Touren in Begleitung von Freunden.
Es ist ein hervorragender Sport für Kopf und Körper. Ich mag die Vielseitigkeit: Mal den Kopf frei bekommen und einfach fahren, manchmal hartes Training und viele Höhenmeter, manchmal fordere ich mich selbst auf anspruchsvollen Trails. Oft starte ich vor der Haustüre, manchmal tobe ich mich auf Freeride-Strecken aus. Und manchmal liege ich auf einer Bergwiese und genieße einfach eine Pause. Das alles gehört für mich mit zum Biken.

Was war dein schönstes Bike-Erlebnis? Und dein schlimmstes?
Das schönste ist, wenn ich Kunden unterstützen darf und sie selbst entdecken, was in ihnen steckt. Wenn sie dann freudestrahlend da stehen, selbst überrascht über ihr Können, stolz auf ihre Leistung – das ist immer wieder schön! Einerseits ist es schön, die Freude zu teilen und mitzuerleben. Andererseits erinnert es mich an meine eigenen Erfolge.
Das schlimmste war ein Unfall: ich bin auf dem Bike von einem Auto angefahren worden. Die Folgen haben mich über Monate außer Gefecht gesetzt. Dazumal konnte ich einen ganzen Sommer lang nicht biken. Das war hart.

Du bist Kopf, Herz und Hand von «Velomaid» – eine Kombi aus Cafe, Bikeshop, Werkstatt und Fahrtechnik- bzw. Tourenanbieter. Wie kamst du auf diese Mischung?
Ich war MTB-Guide und nebenher selbstständig. Der Aufwand als Guide, Kurs- und Tourenanbieter in Teilzeit war enorm, aber ich war glücklich in diesem Job. Ich musste die Selbstständigkeit jedoch durch einen Bürojob einige Zeit querfinanzieren. Der brachte zwar Geld, mich aber fast um meinen Verstand.
Ich wollte eher meinem Bauch- und Herzgefühl folgen und suchte nach Alternativen, die am Ende wirtschaftlich sind. Ich bin irgendwann an einem Morgen aufgewacht und dachte mir: „Ein Veloshop mit einem Café kombiniert, genau das mache ich!“.

Beschreib uns dein Cafe doch mal kurz, damit wir ein Bild bekommen:
Wir haben eine alte Bäckerei umfunktioniert. Statt Semmeln und Brot gibt es Bikes und Bike-Teile. Alles ist offen gestaltet. Das Herzstück des Cafés ist eine wunderschöne Arvenstube mit ca. 20 Plätzen, außerdem haben wir noch einen etwas moderneren Teil. Hier kann jeder bei Kaffee & Kuchen Berg- & Bike-Bilder bewundern und kaufen. Außerdem liegen ganz viele Bike-Zeitschriften umher und es gibt viel Literatur zum Stöbern.
Du kannst aber genauso gut an der Theke stehen, Espresso schlürfen und zuschauen, wie dein Bike repariert wird.

Welche von den vielen Aufgaben dort übernimmst du selbst, für was hast du dein Team?
Oh, das ist sehr situationsabhängig. Wenn ich als Guide Aufträge habe, kümmern sich meine Aushilfen um das Café und den Shop. Sie nehmen mir viele Handgriffe ab. Wenn es die Zeit zulässt, serviere ich selbst den Kaffee, stehe manchmal am Morgen in der Küche und backe, stehe am Nachmittag oder Abend in der Werkstatt und erledige Kundenaufträge. Alles, was ich gerne mache, versuche ich selbst zu erledigen. Alles, was ich weniger gerne mache oder mir über den Kopf zu wachsen droht, versuche ich zu delegieren.

Und wie schaut dein Leben aus, wenn die Bikesaison vorbei ist?
In der Zwischensaison, Ende Oktober bis Dez, schaue ich meine Geschäftszahlen des Sommers an, reflektiere und plane im Groben das kommende Jahr. Jetzt ruft eher die Schreibtischarbeit. Ich lege bereits fest, was kommenden Frühling in den Shop kommt, welche Artikel wir unbedingt brauchen, welche wegfallen können. Ich plane und bespreche Angebote des kommenden Sommers.
Im Winter, Dezember bis April, läuft unser Café auf Hochtouren. Bergün ist ein kleines Winter-Familien-Paradies und wir haben viele Café-Gäste.
Da ich aber auch gerne draußen bin, „guide“ ich auch im Winter: in der anstehenden Saison kann man mit Velomaid an einem Abend in der Woche Wandern, grillieren und Schlitten fahren auf fast vergessenen Wegen. Im Moment sieht alles danach aus, dass Velomaid sogar Iglubau mit Übernachtung anbieten wird. Schlitten fahren bringt gute Bauchmuskeln, Iglubau ist Krafttraining, Kaffee-Servieren verlangt ausdauernde Beine. Ich halte mich im Winter fit.

Klingt nach einem gelebten Traum, den sicherlich viele von uns mit dir teilen. Ist es das? Wie oft steckst auch du in Routinen oder Sorgen (Stichwort: Selbständigkeit) fest?
Ich finde das Schwierige an der Selbstständigkeit ist, selbst festlegen zu müssen, wie viel ich an welchen Stellen investiere. Du kannst aus allem eine Doktorarbeit machen und in alles Unmengen an Zeit in Geld investieren. Es besteht oft die Gefahr, sich zu verzetteln. Ich muss aber klar Prioritäten setzen und sagen: das ist wichtig, das nicht. Was bringt Geld, was nicht. Es braucht ein Konzept und eine Strategie. Die muss nicht in Stein gemeißelt sein. Aber die sollte im Grossen und Ganzen auf dem Papier stimmig sein.

Was würdest du anderen raten, die Lust auf ein ähnliches Modell haben? Welche Stärken, Kenntnisse sollte man z.B. mitbringen, worauf achten?
Während vieler Versionen meines Business-Konzepts, habe ich versucht abzuschätzen, was sind meine Stärken und was sind meine Schwächen. Danach habe ich überlegt, reicht mein Können aus? Wer übernimmt die Aufgaben, in denen ich schwach bin? Was wird mich das kosten. Konzepte schreiben, macht insofern Sinn, als das es viele (auch nervende) Fragen gibt, die jeder einmal betrachtet haben sollte. Ich habe mein Projekt versucht, von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten. Da gab es noch oft AHA-Momente.
Ich rate, ein gutes Netzwerk aufzubauen! Nicht alle lassen sich gleich in die Zahlen schauen und geben wertvolle Tipps. Aber wenn ich gut netzwerke, bekomme ich oft viele Informationen aus der Realität, die ich sonst nicht finde.
Ich schaue immer auch ein bisschen, wer macht etwas Ähnliches? Wie machen die es? Bringt es Erfolg? Lernen von anderen ist erlaubt!

Die «Velomaid» – bist das eigentlich du oder …?
Es hat sich so ergeben, dass mich ganz viele mit „Velomaid“ ansprechen. Also bin ich selbst zu Velomaid geworden.

Was macht «Velomaid» anders, was besser als andere Anbieter?
Ich denke, über die Jahre hinweg habe ich mich sehr gut ausgebildet, konnte viel Erfahrung sammeln und bin gut vernetzt: Ich bin Guide (darf nächstes Jahr mein 5-jähriges Jubiläum feiern), bin zertifizierter Sportmentalcoach, befasse mich viel mit Medizin. Ich bike selbst mit großer Leidenschaft. Ich habe Höhen und Tiefen erlebt, Gefahren, musste Hilfe leisten bei anderen, aber auch auf mich selbst schauen.

Bikesport ist für mich eine Art Philosophie. Meine Angebote sind immer eine Einladung, in meine Welt des Bikens hineinzuschauen und zu verweilen. Dabei respektiere ich die Anliegen jeder meiner Kunden und nehme sie ernst. Im Gegenzug dürfen die Kunden auf mein Können und Wissen vertrauen.
Ich übernehme Verantwortung; trotzdem bleibe ich flexibel. Ich reflektiere. Kundenaufträge sind immer eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Ich denke, dass zeichnet die Angebote von Velomaid und auch mich aus.

[Fotos: privat]

Du bist Deutsche, «Velomaid» ist, wie du schon erzählt hast, im schweizerischen Bergün zuhause. Wie hat’s dich dorthin verschlagen?
Nicht nur das, mein Guide-Zertifikat kommt aus Österreich. Multikulturell geht’s bei mir zu. Ich habe in meiner Zeit in München mit Biken begonnen. Irgendwann war mir das Stadtleben zu unbequem. Ich brauchte einen Tapetenwechsel. Ich wollte unbedingt in Bergnähe bleiben. Ich habe dann ein Arbeitsangebot in Zürich erhalten. Ich bin ein paar Mal hingefahren und habe mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, dort eine Weile zu leben. Es hat sich gut angefühlt, also nahm ich das Angebot an. Von Zürich aus habe ich mich fast 4 Jahre lang in den Bergen rundum ausgetobt und mir gefiel (und gefällt immer noch) Graubünden sehr gut. Daher habe ich in GR nach einem Standort für den Shop und das Café gesucht.

Im vergangenen Jahr hast du dich zur Sportmentaltrainerin ausbilden lassen. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?
Als Sportmentaltrainerin habe ich viel über das Gehirn gelernt und (biochemische) Abläufe im Körper. Die Ausbildung enthält Teile aus der Gehirnwissenschaft, aus der Trainingslehre. Ich habe gelernt, welche äußeren und inneren Faktoren uns beeinflussen. Außerdem habe ich viel über Kommunikation gelernt. Sportmentaltraining kann aber auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen, Emotionen und Gefühlen sein. Es ist sehr vielseitig. Am Ende hat es meinen ganzheitlichen Blick auf den Menschen vervollständigt.

Warum noch ein neuer zusätzlicher Bereich für «Velomaid», wo siehst du das Potential?
Für mich ist es nicht etwas ganz Neues, das sich abgrenzt, sondern ein Bereich, der meine Arbeit vervollständigt, erleichtert und erweitert. Durch das erlangte Wissen kann ich sehr gut äußere Umstände steuern, wenn ich mit Kunden arbeite. Ich weiß, was ich machen muss, damit sich Kunden wohl fühlen. Ich weiß, unter welchen Umständen ihnen Lernen leichter fällt. Wenn Kunden es wünschen, können wir auch die inneren Faktoren einbeziehen. Ich weiß, wann sie meine Informationen und meine Anregungen hören und annehmen, und wann nicht. Das ist sehr praktisch. Das erleichtert mir meinen Alltag sehr. Ich nutze mentales Training mit dem Schwerpunkt Sport. Aber sehr viel Wissen hilft mir auch, sonst im Leben Zusammenhänge leichter zu verstehen.

Für wen ist das neue Angebot gedacht, wer sind die Kunden von Sportmentaltrainern?
Meine jetzigen Kunden profitieren bereits von meinem Wissen und Können: sportmentales Training fließt immer ein bisschen in meine Arbeit als Guide oder Tourenleiter ein. Sportmentaltraining als Ergänzung zu klassischem Training kann jede Sportlerin und jeder Sportler buchen. Ich arbeite sehr gerne im Breitensport.
Ich begleite zum Beispiel immer wieder Langstreckenläufer. Ich unterstütze sie über mehrere Monate in den Vorbereitungen und stehe ihnen bei, wenn sie Bergmarathon laufen. Es war eine Kundin dabei, die sehr erfolgreich ihren ersten Bergmarathon gelaufen ist. Gerade trainiere ich einen „alten Hasen“, der kommendes Jahr seinen 24. Bergmarathon laufen wird.
Dieses Jahr habe ich im Bike-Bereich u.a. Britta unterstützt: sie hat sich vom Couchpotatoe zur Alpencross-Fahrerin gewandelt (www.Alpencross2013.de). Ich bearbeite aber auch immer wieder die Themen „Angst“ und „Unwohlsein“, wenn Leute in den Bergen, hochalpin, unterwegs sind.

Wie läuft so ein Mentaltraining ab?
Es gibt immer ein Einführungsgespräch. In diesem ersten Gespräch besprechen wir, wo die Reise hingehen soll. Was sind die Anliegen der oder des Kunden, was sind die Ziele. Ich sammle erste Informationen.
Danach entscheide ich, ob mentales Training geeignet ist und ob ich geeignet bin, um die oder den Kunden zu unterstützen. Wenn alles dafür spricht, legen wir gemeinsam Termine fest. Ich bereite dann passende mentale Übungen vor. Im Laufe des Trainings passe ich die Übungen an, so wie auch im klassischen Training Übungen variieren.
Es passiert aber auch, dass ich manchmal ganz spontan einspringe. Wenn ich in meiner Freizeit unterwegs bin und bemerke, dass jemand vor oder hinter mir in Not gerät, weil er oder sie z.B. auf einem ausgesetzten Weg starke Höhenangst erlebt, schreite ich natürlich ein und helfe.

Grenzt du Fahrtechnik und mentales Training klar von einander ab oder gehört das für dich zusammen?
Es gehört für mich zusammen. Meine Art der Kommunikation, mein Wissen über die Trainingslehre habe ich immer im Hinterkopf. Wenn Kunden explizit nach mentalem Training fragen, lege ich auch mal spontan eine mentale Übung ein.

Du hast sie gerade schon erwähnt: Die Angst beim Biken. Allgemein heißt es ja, Frauen sind von Natur aus ängstlicher als Männer. Wie sieht und erlebst du das?
Ich denke, dass Frauen eher das Wort „Angst“ aussprechen. Oder eher sagen, dass sie K.O. und erschöpft sind. Gut so, denn klar zu kommunizieren ist wichtig. Manche Männer sprechen nicht so oft klar über ihre Empfindungen. Angst kann ich als Schutzmechanismus wahrnehmen. Habe ich Angst vor einer schwierigen Stelle im Trail, steige ich ab, schiebe mein Bike, habe ich mich vor einem Sturz bewahrt, ich habe mich geschützt.

Wenn ich die Stelle fahren möchte, gilt es herauszufinden, was mir jetzt gerade Angst macht: Bin ich einfach müde und bringe ich vielleicht einfach nicht sie Konzentration auf? Bin ich vielleicht hungrig oder durstig und habe daher gerade keine Kraft in den Beinen? Habe ich die entsprechende Technik vielleicht zu wenig trainiert und kann die Technik noch nicht ausreichend gut? Vielleicht bike ich immer am Abend und mein Biorhythmus ließe mich am Morgen leistungsfähiger sein. Das sind alles geschlechterunabhängige Fragen.

Geschlechtsspezifisch wird es erst, wenn eine Frau z.B. eine hormonelle Umstellung erlebt. Dass kann auf Verantwortungsbewusstsein, Angstempfinden und auf das Biken haben. Es kann, muss aber nicht. Von Natur dürfen und können Frauen genauso mutig sein wie Männer, von Natur aus dürfen Männer vor den gleichen Stellen Respekt haben wie Frauen.

Hast du spezielle Angebote für Bikerinnen im Programm?
Es hat sich ergeben, dass ich einmal in der Woche mit einheimischen Frauen Bike. Sie nutzen den Abend um in Ruhe dieses oder jenes zu trainiere. Zufällig fahren viele auf einem ähnlichen Niveau. Jede kann etwas anderes sehr gut. Alle schauen von allen etwas ab. Mir macht diese wöchentliche Ausfahrt sehr viel Spaß. Wenn sonst Mädels unter sich sein wollen, melden sie das einfach an. Ich realisiere die Termine dann so, dass Frauen unter sich sind.
Ich werde kommenden Frühling „Fit for Season“ anbieten: Ein verlängertes Wochenende in Bergün, wenn die ersten Blumen blühen. Es wird einen Termin nur für Frauen geben und einen Termin für beide Geschlechter.

[Fotos: privat]

Verrätst du uns: wie lief die erste Saison mit dem neuen Angebot für dich?
Meinst Du mit „neuem Angebot“ Sportmentaltraining? Da waren einige schöne Aufträge. Und ich habe mit Kollegen neue Ideen erarbeitet für 2014.
Wenn Du mit „neuem Angebot“ Café und Shop meinst: es lief manchmal turbulent. Und ist ein guter Bereich, um meine Geduld zu schulen.

Im Rückblick: Was waren die größten Herausforderungen für dich als Trainerin und wie hast du sie gemeistert?
Eine Herausforderung ist es immer wieder, im gesunden Maß zu reflektieren. Ich muss festlegen können, ob ich als Trainerin eine Aufgabe annehmen kann oder ob es vielleicht meinen Kompetenzbereich überschreitet. Da hilft mir der Austausch mit Kollegen und Vertrauten vom Fach. Und es braucht Mut auch einmal zu sagen: „Das kann ich nicht.“, und eine geeignete Alternative aufzeigen zu können.

Und mit Blick voraus: Wo soll’s mit «Velomaid» noch hingehen?
Bergün ist und bleibt das Basislager. Aus dem Startup soll ein solides Unternehmen werden mit 2 Ganzjahres-Vollzeitstellen. Ich arbeite darauf hin, dass die Marke „Velomaid“ als positive Marke in der Bikeszene wahrgenommen wird. Es wird ein Unternehmen, das erfolgreich neue Wege geht und auch neue Kombinationen realisiert: Ein Veloshop mit einem Café, MTB-Guiding mit Sportmentaltraining.

Welchen Rat möchtest du anderen Bikerinnen zum Schluss noch mit auf den Weg geben?
Such Dir eine/n gute/n Begleiter/in fürs Biken und macht zusammen all das, was Euch Spaß macht!

 


 

2017

Viele kennen dich heute als «Velomaid». Was ich 2014 ganz vergessen habe, zu fragen: Wie kam es dazu?
Ich habe als MTB Guide Touren organisiert und durchgeführt. Dazu brauchte es einen Namen und ich fand (und finde) „Velomaid“ als Ausdruck einer schweizerisch-deutsche Mischung sehr gut. Der Name funktioniert auch international.
Ich habe die Firmenform irgendwann geändert, eine GmbH gegründet: die Velomaid GmbH. Vor etwas mehr als 5 Jahren habe ich alles in eine Waagschale geworfen: Mein Guide-Wissen und -Können, mein Tun als Sportmentalcoach, meine Kompetenz als Velomechanikern. Den Firmensitz habe ich in die Mitte von Graubünden gelegt, in das Albulatal. Dort habe ich 4 Jahre lang gelebt und gearbeitet. Jeder hat dort einen Übernamen und manch einer kennt meinen realen Namen nicht. Aber alle kennen mich als „Velomaid“.

2014 meinte ich: „Klingt nach einem gelebten Traum, den sicherlich viele von uns mit dir teilen. Ist es das?“ – was sagst du heute dazu?
Es waren sehr, sehr intensive Jahre in Graubünden. Ich fühle mich sehr verbunden mit dem – aus meiner Sicht – besten Bike-Kanton der Schweiz.
Ich habe viele Ideen gesammelt, sortiert, umgesetzt. Ich durfte von einem kantonalen Projekt profitieren, Netzwerken, Wissen sammeln. Ich habe im übertragenen Sinn an vielen Orten Samen gepflanzt – aus manchen ist etwas gewachsen, andere Samen haben nicht gekeimt, manch Pflänzchen ist wieder eingegangen, hat quasi dem Bergklima nicht Stand gehalten.

Was waren Hürden oder Hindernisse?
Bevor ich mich selbst zur Firmeninhaberin gemacht habe, wusste ich, ich konnte viel arbeiten. Und ich dachte: „Wer viel arbeiten kann, wird´s schaffen.“ Das war naiv. In der Selbstständigkeit bin ich über mich hinausgewachsen und habe noch viel mehr gearbeitet als jemals gedacht, eine Arbeit die mir zu 90% viel Freude gemacht hat. Aber ob eine Firma die ersten 5 Jahre überlebt, entscheiden nicht der Wille zur Arbeit und die investierten Stunden: Marktlage und äussere Umstände spielen eine grosse Rolle. Es gibt einige Faktoren aus dem Business-Konzept, die liegen in eigener Hand und andere sind nur bedingt beeinflussbar.

Der Bikemarkt ist wahnsinnig kostenintensiv und schnelllebig – das war ein Standbein der Firma. Tourismus darf sich an den Bedürfnissen der Gesellschaft orientieren, um erfolgreich zu sein. Hier Bedarf es viel Reflexion und ständiger Anpassung. Das war ein anderes Standbein. In vielen Tälern ist der Tourismus nur bedingt überlebensfähig, weil kritische Reflexion und Mut zu Neuem kollidieren mit Tradition und lange da gewesenen Strukturen.

Zusammen bedarf es am Ende auch immer einer Portion Glück und Geschick. Das Wetter kannst Du nicht wünschen. Es ist aber wichtig im Outdoor-Sport. Zentral ist auch immer die Frage: Ist eine Idee am rechten Ort zur rechten Zeit platziert. Am Ende habe ich nach 3 Jahren gesehen: es wird schwer zu sagen, wann Break-Even erreicht ist. Ich habe 2017, nach 4 Jahren, gestoppt und die Firma austragen lassen.

Bereust du deine Investition?
Einfach „nein“ zu sagen, wäre gelogen. Ich bin finanziell irgendwann in Not geraten. Das war alles andere als lustig und gar nicht einfach. Ich hatte wirklich alles investiert: Beziehungen, Geld, mich. Alles hat sich in den Jahren verändert. Aber natürlich habe ich viel mitgenommen aus 4 Jahren: Ich weiss detailliert, wie in Graubünden (und viele anderen Teilen der Schweiz) Tourismus funktioniert. Ich würde heute reflektierter neu gründen. Oder könnte vermutlich beraten.
Nicht nur für mich, auch für meine Firma habe ich mich zum Thema „Sportmentalcoaching“ schulen lasse. Von dem Wissen profitiere ich sehr.
Da ich lange Kinder Bike Schulen im Fokus hatte, habe ich mich dort hingehend ebenfalls weitergebildet. Und ich geniesse es immer noch, hier und da mit Kindern zu arbeiten. Das geht mir immer leicht von der Hand.

Persönlich durfte ich 4 Jahre lang in den Bergen leben. Das einfachere, von vielen Verzichten geprägte Leben in den Bergen, löst bei mir ein Gefühl von Verwurzelung aus. Und ich habe mich in der Zeit zum Teil auch neu kennen gelernt. Deutlich gemerkt, was ich kann und was ich nicht kann.

Wie geht es weiter?
Ich arbeite gerade in Zürich, angestellt in einem 08/15 Job. Meine Velowerkstatt ist erst einmal reduziert und dient mir nur persönlich. In meiner Freizeit möchte ich das machen, was mit Freude bereitet: Ich wollte ein Jahr lang nicht guiden, um zu sehen, ob es mir fehlen wird. Ich habe es nicht geschafft. Der Guide Job gibt mir viel. Ohne ihn, geht es nicht. Ich geniesse es sehr, dass Kunden mir vertrauen, mich planen lassen, mit mir fahren.

Und auch Kinderkurse liegen nicht ganz auf Eis. Ich habe gerade erst wieder assistiert.  Ich bike momentan oft privat und oft auch alleine. Und ich nehme mir Zeit für meine Ausgleichssportarten: Bouldern oder Sportklettern. Und da gibt es noch ein Ehrenamt: meine aktive Arbeit als Mitglied in der Alpinen Rettung, die Ausbildungen und Übungen dazu. Neu entdeckt habe ich ausserdem mein Geschick für den Trailbau. Hier durfte ich mein Können schon etwas vertiefen. Anpacken, das liegt mir. Ganz konkret Dgibt es keine grossen Pläne im Moment.

Ich möchte die Menschlichkeit nicht aus den Augen verlieren. Ich denke, Sport reflektiert ganz oft das eigene Leben. Sport erzählt immer persönliche Geschichten. Erkenntnisse aus alltäglichem Leben helfen im Sport und Sport bereichert das alltägliche Leben.

Und im Moment denke ich oft: Misserfolge sind genauso wichtig im Leben wie Erfolge. Die Geschichten von (sportlichen) Misserfolgen publiziert in der Regel keiner. Aber Misserfolge machen etwas mit Dir. Ich glaube, diese stillen Momente, in denen Misserfolge reflektiert werden, sind wichtig im Leben. Erfolge gibt es aber nicht ohne Misserfolge. So wie es nicht nur Sonne oder nur Regen geben kann. Zumindest sehe ich die Welt so. Deshalb bin ich gerade planlos. Und dennoch nicht orientierungslos: im Zweifel kennt mein Mountainbike den Weg.

Liebe Astrid, vielen Dank für deine Geschichte, deine Ehrlichkeit, deine Zeit!  Wir wünschen dir alles Gute und sind gespannt auf das Update 2021!

[Fotos: privat]

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