VORWORT

Der Wahnsinn: Unsere „Monatsfrauen-Interviews“ gibt es nun mehr seit unglaublichen 10 Jahren! Gut 100 mega-interessante, gänzlich unterschiedliche Frauen aus der Bikebranche haben wir seitdem interviewed und gebannt ihren Geschichten gelauscht.

Leider sind seit dem Umstieg auf die jetzige technische Plattform in 2016 viel zu viele davon nicht mehr öffentlich zugänglich. Wie extrem schade das ist, wurde mir erst so richtig bewusst, als ich viele viele viele davon auf dem „1. European Women’s Outdoor Summit„ Ende 2018 getroffen habe – einige davon zum allerersten Mal.

In den Gesprächen hat sich herausgestellt, dass (natürlich) auch bei ihnen die Zeit nicht stehen geblieben ist und sich  oftmals (aber auch nicht immer) zwischenzeitlich enorm viel verändert hat. Das brachte mich auf eine Idee, deren Umsetzung ich mit diesem ersten „Update“-Beitrag nun starte: Wir veröffentlichen von den „Summit-Monatsfrauen“ einfach nochmal das alte Interview – und ergänzen es um ein Update aus der heutigen Sicht rund um die Fragen: „Was hat sich zwischenzeitlich verändert?“ und „Wo stehst du heute?“.


Kerstin Kögler

Auch beim 2. Monatsfrauen-Update von KERSTIN KÖGLER, unserer Monatsfrau aus dem Januar 2013,  geht es um Veränderung. Um (ungeplante) Richtungswechsel und das Wachsen an (nicht immer nur positiven) Erfahrungen. Um Dankbarkeit und um neue Chancen.

Januar 2013:

Kerstin ist eine Powerfrau und ein „radelnder Sonnenschein“. Wer ihrer guten Laune widerstehen kann, ist äußert robust, und ihr „AJUHU“ ist zum – inzwischen gern kopierten – Motivationsschlachtruf und Markenzeichen geworden. In den letzten zwei Jahren hat sie ihr Leben „einfach mal“ komplett umgekrempelt: Weg vom sicheren Bürojob, mitten hinein ins Leben als Profi auf dem Bike. Statt Kampagnen managt sie heute ihr vielseitiges Leben als Guide, Trainer- und Ausbilderin. Ihr Ziel: „meine Passion fürs Biken leben, Menschen begeistern und meine Erfahrung weitergeben“.

Januar 2018:

Helm auf, in den Sattel – los geht’s. Frei sein, die Natur erleben, sich auf den Augenblick konzentrieren und die Geschwindigkeit spüren. Innehalten. Genießen… und weiter rollen.  Seit mehr als 18 Jahren lebt Kerstin Kögler ihre Faszination fürs Mountainbiken und machte diese Leidenschaft zum Beruf: als Rennfahrerin, Fahrtechnik-Trainerin und Mental-Coachin. Für Kerstin bringt das Mountainbiken viele Facetten zusammen. Ihre Motivation: Menschen bewegen und begeistern.

Kerstin: Hui, wenn ich mein Interview aus 2013 lese, bekomme ich Gänsehaut. Ich atme tief ein und aus. 5 Jahre sind seit meinem ersten Interview für Girlsridetoo vergangen. Mir kommen Gedanken wie – ja, das hast du gut gemacht damals, Situationen, die ich aus heutiger Sicht anders machen würde, Fehler die ich begangen habe und auch Erfolge die ich feiern durfte. In meiner Selbständigkeit, in meinem Privatleben und auch im Job.

Und auch das gehört meiner Lernkurve: Fehler und eigene Erfahrungen machen. Bei Entscheidungen gehe ich mehr und mehr nach meinem Gefühl und entscheide danach „was sich gut für mich anfühlt“.

Was hat sich verändert seitdem? Äußerlich sind meine Haare etwas kürzer geworden. Meine einst schmalen Cross Country Schultern sind jetzt kräftiger und definierter. Durch das Training als Enduro Profi habe ich hier Muskulatur zugelegt. Bergab konnte ich mich stark verbessern und die Rennen der Enduro World Series oder Trans Provence waren nochmal eine große Herausforderung für mich. Doch genau dies war ein sehnlicher Wunsch, bereits als ich mich selbständig machte. Ich wollte Herausforderung, Lebendigkeit, das Abenteuer, ich wollte andere Länder und Menschen kennenlernen, mich inspirieren lassen und mich vielleicht auch dadurch noch ein Stück besser kennenlernen.
Hier passt ein guter Spruch: We lose ourselves in the things we love. We find ourselves there, too!

[Fotos: Adrian Greiter, www.flowinconcept.com, Kirsten Sörries]

Enduro Profijahre

Ich bin dankbar, Ende 2013 die Chance von BMC bekommen zu haben, intern das Team zu wechseln. Vom Deutschen BMC Development Team mit der Ausrichtung Cross Country /Marathon zum BMC Factory Enduro Team. Die Reise ging für mich u.a. bis nach Whistler zur EWS oder nach Sri Lanka zur YAK ATTACK „rumble in the jungle“.
Doch wie kam der Schritt nochmal zurück in den Rennsport? Ich war 2013 sehr viel mit Menschen unterwegs als Guide und Fahrtechnikcoach. Und jetzt bitte nicht missverstehen, ich liebe meinen Job und die Arbeit mit Menschen, aber es war einfach zu viel. Konditionell und auch fahrtechnisch wurde ich schlechter, zuwenig Zeit blieb für eigenes Fahren.
Durch den Vertrag bei BMC ab 2014 halbierte ich quasi meine Jobs  in Sachen Fahrtechnik und Guiding und der Spaß kam zurück. Ja – ich mag Geschwindigkeit sehr. Und beim Biken ist es vor allem der Wechsel zwischen Kraft und Gefühl.
Ich mag es zum Beispiel meine eigene Kraft zu spüren, wenn mich die Kompression in die Kurve drückt, mit meiner Bauchmuskulatur dagegenhalten bei hoher Geschwindigkeit und dadurch stabil bleibe. Und hey, auch Kraft kann weiblich sein. Gleichzeitig braucht es meiner Meinung nach viel Feingefühl auf dem Rad, zum Beispiel in engen Spitzkehren, bei wechselnden Untergründen, im Matsch oder wenn alles staubtrocken und sehr rutschig ist.

[Fotos: www.reuiller.com]

Ausbildung zur Mentaltrainerin seit 2016

Doch wieder zurück. Abgesehen von den körperlichen Veränderungen, die ich persönlich eher gering finde, gab es doch auch einige innerlich. Ich habe zwar bei 1,77 cm das wachsen aufgehört, doch innerlich fühle ich mich immer noch im Wachstum. Das Thema Mensch rückte bei mir immer mehr in den Vordergrund. Klar, ich mag Bewegung und schnell sein, die Natur hat bei mir einen großen Stellenwert, aber vor allem motivieren mich Menschen. Ich lernte inspirierende Menschen kennen in den letzten Jahren, auch abseits vom traditionellen Rollenbild. Und nach einer Weiterbildung zum Thema Sozialkompetenz und einem eher ziellosen Sommer 2016 entschied ich mich zum Start meiner Mentaltrainerausbildung.

Reisen, Fahrtechnik, Biken, neue Länder und Landschaften. Doch irgendwie war es mir zu wenig. Mich reizte ein neues Thema. Mein Gefühl zog mich in die Themen, die enger mit dem Menschen verknüpft sind, und nach einiger Recherche fiel die Entscheidung auf das Thema „Mentaltraining“. Die Ausbildung forderte mich. Nicht nur, dass ich neue Sachen/Inhalte lernte. Auch persönlich: ich beschäftigte mich mit meinen Werten, Zielen, Glaubenssätzen, Selbstvertrauen, Emotionen, Unsicherheiten und Blockaden. Die Inhalte aus meiner Mentaltrainer Ausbildung bringe ich nach Bedarf in meine Kurse und Workshops ein oder biete Einzeltrainings.

[Fotos: VAUDE_Sportograf, Anthony Salamin, Andrea_Gaspar-Klein]

Thema Frau

Fast parallel kam das Thema Frau  und Weiblichkeit bei mir auf den Bildschirm.  Für die Eurobike 2016 fragten mich die Veranstalter, ob ich einen Vortrag zum Thema Fahrtechnik für Frauen halten kann.  Ich gebe zwar auch Ladies Only Kurse, aber am liebsten sind mir in meinen Kursen gemischte Gruppen. Ich bin der Meinung: „Männer tun Frauen gut und Frauen tun Männern gut“  – damit mache ich sehr gute Erfahrungen. Auch wissentlich, dass es andere Erfahrungen gibt, wenn hier der/die ein oder andere meint „aber ich habe andere Erfahrungen gemacht“. Ja, die kenne ich auch.
Ich wollte das Thema jedoch detaillierter betrachten und stellte mir die Frage: In welchen Bereichen sind Männer und Frauen gleich und wo unterschiedlich? Ich unterteilte in: Physiologie und Biomechanik, Bewegungslernen und Korrektur, Atmosphäre und Beziehung, Motivation und Umgang mit Unsicherheiten. Denn (Vor)Urteile, Schubladendenken und oberflächliche Argumentationen hatte ich zu diesem Thema schon genug gehört. Ich tauchte während der Recherche tiefer ein, in die Sportwissenschaft, die Sozialwissenschaft und in die Themen Weiblichkeit und Empowerment. Mich interessierte, wie das Thema auch abseits des Sports und international behandelt wird. Zum Beispiel: Welche Projekte und Programme gibt es? Wie sehe ich mich als Frau und für was möchte ich Vorbild sein? Was möchte ich über die reine Fahrtechnik hinaus in meinen Kursen vermitteln? Viele Fragen, die ich mir die diesem Zusammenhang stellte und auch immer noch stelle.


[Foto: Anthony Salamin]

Eines ist mir jedoch klar: In meinen Kursen geht es mir nicht nur um Fahrtechnik. Ich möchte Spaß an Bewegung und Sport vermitteln, einladen Natur zu erleben, soziale Kontakte zu knüpfen, sich selbst etwas zuzutrauen, die eigene Power zu entwickeln, sowie Eigenständigkeit, Verantwortung, Selbstvertrauen.

Es blieb nicht bei dem einen Vortrag 2016. 2017 kamen Anfragen für weitere Vorträge: so war ich z.B. bei der VELOBerlin gebucht als Protagonistin für das Thema Frau, auch mit meinem neuen Vortrag „Abseits fester Wege – was mich als Frau am Biken reizt“. In diesem emotionalen Vortrag lade ich Männer und Frauen zum Anknüpfen ein – und dazu, sich mit den eigenen Motiven zum Sporttreiben auseinander zu setzen. Auch bei Zermatt Impulse wurde ich mit diesem Vortrag in die Schweiz eingeladen. Ich baue bereits weitere Vorträge auf zu neuen Themen, wie Motivation, Stress oder mentale Stärke. 2018 werde ich auf insgesamt 5 Messen zum Theam Frau und Radsport vor Ort sein, zum Teil auch mit meinen neuen Vorträgen. Ich bin gespannt, welche Projekte hier noch auf mich zukommen. Ganz besonders freue ich mich jetzt schon auf die flowPUNKT Mountainbike Workshops 2018.

Ich bin dankbar, tolle Partner an Bord zu haben und möchte hier an erster Stelle BMC und VAUDE nennen. Vielen Dank, dass ihr mich seit vielen Jahren unterstützt und mich in eure Projekte einbindet.

Privat ging meine Reise in den letzten 5 Jahren  von Würzburg übers Allgäu nach Blaubeuren. Hier am Fuß der schwäbischen Alb möchte ich noch mehr ankommen. Bei all dem Unterwegssein und Neuland brauche ich auch Ruhe und Gewohntes. Ich koche zum Beispiel sehr gern und verbringe einen gemütlichen Abend mit meinem Liebsten. Immer Vollgas? Nein Danke, denn Anspannung braucht für mich auch Entspannung.

Ein schöner Spruch zum Abschluss: „Dear past, thanks for all the lessons, dear future I’m ready.“

[Fotos: Kirsten Sörries]

Erfahre mehr über Kerstin unter: www.kerstin-koegler.de

 


Interview Januar 2013

Kerstin, wie bist du zum Mountainbiken gekommen?
Mein erstes „richtiges“ MTB mit Federgabel und Stollenreifen bekam ich nach langem „Wünschen“ 1996, und zusammen mit meinem Vater war ich dann viel in den Bergen unterwegs. Dort liegen meine Wurzeln und meine Faszination fürs Biken. Sportlich war ich aber schon von klein auf, ob Leichtathletik, Reiten oder Skifahren – Hauptsache unterwegs und draußen.

Was ist für dich das Schönste am Biken, das Besondere im Vergleich zu anderen Sportarten?

Flexibel zu sein, unabhängig von Sportstätten, Öffnungszeiten, Mitspielern und natürlich draußen, in der Natur zu sein. Es gibt immer etwas zu Erleben.

Was war dein schönstes Bike-Erlebnis?
Mein schönstes Bike-Erlebnis war mein erster Urlaub im Wallis vor vielen Jahren. Zum ersten Mal ganz nah zwischen 4.000-ern und Gletschern unterwegs sein zu dürfen ist etwas ganz Besonderes.
Und dein Schlimmstes?
Mein Schlimmstes sicherlich meine erste große Biketour in den Bergen, die mich körperlich völlig überfordert hat und ich seitdem nie wieder einen solchen Einbruch und Hungerast hatte.

Welches Bike fährst du (am liebsten)?
Am liebsten meinen Trailfox von BMC. Ein leichtes Carbon Allmountain Bike mit 150 mm Federweg und 3-fach Übersetzung. Damit steht auch langen Touren in den Bergen nichts im Weg. Meine verstellbare Sattelstütze habe ich liebgewonnen ebenso wie meinen Sqlab active Sattel. Gegen scharfe Felskanten oder Dornen fahre ich Reifen mit Seitenwandverstärkung, die Reifen sind tubeless und mit Dichtmilch montiert. Für Cross Country und Marathon setze ich mein Teamelite TE01 29 von BMC ein – leicht, schnell und wendig.

2011 und 2012 waren für dich Jahre der Umwälzung und massiven Veränderung – und das Biken hat dabei eine ganz große Rolle gespielt. Erzähl doch mal wie das alles kam und was genau (mit dir) „passiert“ ist.

Die schönsten Bike-Erlebnisse hatte ich schon immer in den Bergen. Emotional ist dies für mich nicht mit einem Rennsieg vergleichbar. Wobei ich auch gern ganz oben auf dem Treppchen stehe 😉 Den ganzen Tag auf dem Bike, neue Wege ausprobieren, Schieben und Tragen, im Regen stehen und im letzten Tageslicht zurückzukommen? Für mich gibt’s nichts Schöneres! Biken, das ist Freiheit für mich. Nach einigen Jahren in der Agentur, tagtäglich auf dem Bürostuhl, parallel Rennsport und dem Lebensmittelpunkt Würzburg – was von den Bergen doch recht weit weg ist – wurde mir immer mehr klar, dass solch ein Leben für mich nichts ist. Gleichzeitig lernte ich inspirierende Menschen kennen, die abseits vom „Normalen“ ihr Leben gestalten und ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich musste etwas ändern, also nahmen die Veränderungen Schritt für Schritt ihren Lauf und ich kündigte meinen Job. Nicht nur beruflich, auch privat gab es viele Veränderungen, aktuell steht mein Umzug in den Süden an.

Und wie gings dann ganz konkret weiter?
2011 stand unter dem Motto Neuorientierung. Ich verbrachte viel Zeit mit verschiedensten Menschen und Gruppen, in unterschiedlichsten Landschaften und Ländern. Der Schwerpunkt lag ganz klar darin, Erfahrungen zu sammeln. Der Rennsport rückte in den Hintergrund, Training nach Plan war zeitlich und organisatorisch kaum mehr möglich. Umso mehr freut es mich natürlich, wenn noch ein paar gute Ergebnisse und Siege wie in diesem Jahr herausspringen.
Parallel habe ich mein Wissen rund um Fahrtechnik & Guiding weiter auf- und ausgebaut und schließlich auch die Ausbildung zum MTB Guide und zur C-Trainerin absolviert.
Auch begann 2011 meine Partnerschaft mit BMC – für mich ein sehr wichtiges „Standbein“. Ursprünglich als Teamfahrerin im BMC Development Team Deutschland, folgte die ersten Einsätze für das BMC Trail College, das durch mein Engagement ins Leben gerufen wurde. Dort biete ich für Händler Fahrtechnikkurse an und unterstütze damit die Crew von BMC onTour.
Ebenso wichtig sind für mich die DIMB als Mitglied im Bundeslehrteam Mountainbike sowie TrailXperience, ein Reiseanbieter aus dem Allgäu für den ich bei Trailcamps im Einsatz bin.
Seit 2011 stehe ich auch ganz persönlich als Coach für individuelle Anfragen zur Verfügung und beantworte gern Fragen rund um Training, Ernährung, Material, Regeneration, Taktik, (Renn-)Vorbereitung…

Du arbeitest heute also als Bike-Guide, Fahrtechnik-Trainerin und Bike-Guide- Ausbilderin – hab ich noch was vergessen?

Ich bin immer noch als Rennsportlerin für das BMC Development Team Deutschland aktiv und von Straße, bis Cross Country, Marathon und Enduro im Einsatz. Ab und zu stehe ich als Fotofahrerin vor der Kamera, 2012 z.B. für Messestandbilder für die Eurobike und den Katalog von Bergamont.

[Fotos: Mathias Marschner, Anatol Kotte, Alfons Benz, Bernd Müller]

Du hast dein Berufsleben mal ganz klassisch über eine Banklehre begonnen, warst dann nach einem BWL-Studium als Projektmanagerin mitten im stressigen Agenturleben. Hättest du dir vor 5 Jahren vorstellen können, wie dein Leben heute aussieht?
Nach meiner Diplomarbeit stand zunächst der Schritt zurück ins Berufsleben im Vordergrund. Ich arbeitete im Projektmanagement und als Kundenberaterin für eine Agentur für Kommunikation im Bereich Corporate Publishing/Incentive-Programme B2B. Neben Studium und Job lief bei mir der Leistungssport immer parallel. Dass sich alles in solch einer Art und Weise und auch Geschwindigkeit ändert, hätte ich selbst nicht für möglich gehalten. Doch die Uhr möchte ich nicht wieder zurückdrehen.

Wer oder was hat dir geholfen und Mut gemacht, den Schritt aus dem sicheren Angestelltenverhältnis hinein in die Selbständigkeit zu wagen?

Mein Gefühl – das Richtige zu tun und das zu tun was mir liegt. Gleichzeitig zu wissen, dass ich eine gute Basis habe: Langjährige Bike-Erfahrung sowohl in den Bergen als auch im Rennsport, konditionell fit und fahrtechnisch versiert Banklehre, BWL Studium, Weiterbildungen im Bikebereich – und natürlich gute Freunde auf die ich mich verlassen kann.

Hast du dich speziell vorbereitet, alles sorgfältig geplant – oder lief das alles eher spontan?

Prinzipiell bin ich niemand, der blauäugig in eine Richtung geht. Ich beschäftige mich viel mit meinem Weg und mache mir darüber Gedanken. Sorgfältig planbar ist dieser jedoch nicht. Ein gutes Maß an Flexibilität, Spontaneität aber auch das Verfolgen von Zielen ist aber meiner Meinung nach eine gute Mischung.

Wie ist das jetzt, wenn du zurück schaust? Bist du einfach nur froh, den Schritt gewagt zu haben oder gab’s / gibt’s auch Momente des Zweifels und vielleicht sogar der Angst?

Uff…was war das für ein wunderschönes, facettenreiches, anstrengendes Jahr. Wo ist es geblieben? Es gibt sowohl Momente in denen ich felsenfest davon überzeugt war, dass meine Entscheidung richtig war, aber auch Momente des Zweifelns. Das gehört einfach dazu.

Und wie bist du mit diesen Gefühlen dann umgegangen?
Solche Momente gehören dazu und man muss lernen sie zu akzeptieren. Positiv denken, flexibel bleiben und reagieren, darauf vertrauen, dass wieder eine Tür aufgeht…das ist in solchen Zeiten sehr wichtig.

Würdest du aus dem Rückblick etwas anders machen?
Da gibt es nur eine Antwort: Nein;-)

Unter welches Fazit oder Motto würdest du die letzten beiden Jahre stellen?
Oh je, geht nicht gibt’s nicht und Überraschungen kommen meist ohne Vorwarnung aus heiterem Himmel. Das ist das Credo der letzten beiden Jahre.

[Fots: Mathias Marschner]

Apropos Überraschungen: Wie wichtig ist dir das Thema „Sicherheit“, z.B. finanzielle, – und wo holst du dir die zurzeit?

Durch meine Zeit in der Bank ist mir dieses Thema sehr wichtig. Ich habe derzeit kein festes Standbein, d.h. keine Festanstellung. Doch das Thema „Versicherungen“, „Vorsorge“ und „Absicherung“ darf man nicht aus den Augen verlieren. Immer schön mitrechnen 😉 Die Sicherheit, dass alles so kommt wie geplant gibt mir niemand, doch bei mir gibt es nicht nur Plan A.

Eines deiner Zitate lautet: „Radfahren ist Freiheit für mich. … Flexibel in Gedanken. Dynamik in Rad und Tat. Herausforderungen annehmen“. Wie frei und flexibel fühlst du dich heute tatsächlich?

Ich kann als Selbständige frei entscheiden und frei handeln – soweit die Theorie. Freiheit ist jedoch auch immer an Verantwortung gekoppelt und die habe ich für mich völlig allein. Eine 100%ige Freiheit habe ich nicht, doch einen guten Entscheidungsspielraum, der mir viel Raum lässt. Flexibel zu sein ist aufgrund der wechselnden Aufgabenstellungen und häufigen Veränderungen wichtig, gut dass ich es bin.

Du bist die erste und bis dato einzige Frau im Ausbilderteam der DIMB (Deutschen Initiative Mountainbike), schulst und prüfst also Teilnehmer/innen, die sich als Bike-Guide zertifizieren lassen wollen. Was bedeutet dir das persönlich?

Es bedeutet mir viel und gleichzeitig ist es eine große Wertschätzung durch meine Kollegen.

Die Trailscout- und MTB-Guide-Ausbildung der DIMB gibt es ja schon ein paar Jahre. Warum hat es so lange gedauert, bis eine Frau ihren Weg in den Ausbilder-Kreis gefunden hat?

Die Ansprüche bei der DIMB liegen sehr hoch, es ging nie darum eine Quotenfrau zu finden.

Ganz ehrlich: Wie nervös warst du vor deinem ersten Kurs in der neuen Funktion als Ausbilderin? Und wie bist du damit umgegangen?

Klar war ich nervös, mein erster Kurs als Ausbilderin war der Ladies Only Trailscout in Zell am Main. Doch die Ausbildungen der DIMB werden immer von mehreren Ausbildern gehalten, d.h. „Frau“ ist nicht alleine und zum anderen hospitieren wir „Neuen“ bei zwei Lehrgängen bevor wir zum ersten Mal alleine „vorn“ stehen. Ich weiß auch, dass meine Kollegen hinter mir stehen und ich bei Fragen jederzeit einen Ansprechpartner habe.

Und wie war das Feedback der Teilnehmer und Teilnehmerinnen? „Endlich eine Frau!“??? 😉
Ja, so war es schon. Gerade für die Teilnehmerinnen war es spannend und interessant: Tipps, Feedback, Fahrtechnik… das gab es beim Ladies Only Trailscout von Frau zu Frau. Die Stimmung war toll, ich finde es schön wenn Frauen aktiv werden. Auch stoße ich bei allen meinen anderen Jobs auf äußerst positives Feedback, sowohl von meinen Teilnehmern als auch meinen Teilnehmerinnen. Manchmal habe ich aber schon das Gefühl, vor allem wenn ich vor einer fitten und fahrtechnisch versierten Männergruppe stehe, dass ich mir den Respekt erst erarbeiten muss. Doch diese Herausforderung nehme ich gern an und geh’ auch mit den schnellen Jungs ab auf den Trail;-) Ajuhu!

Welche deiner täglichen Aufgaben und Tätigkeiten fordern dich am meisten?
Meine Terminplanung, da ich verschiedenste Standbeine und Aufgaben koordinieren, terminieren und abstimmen muss. Alles unter einen Hut zu bekommen ist manchmal nicht einfach, doch auch eine große Herausforderung. Aber meist klappt es ganz gut, ich profitiere dabei sehr von meiner Agenturzeit, während der ich die verschiedensten Aufgaben und Projekte parallel zu bewältigen hatte und einen kühlen Kopf in stressigen Zeiten behalten musste.
Ebenso die Arbeit mit meinen Teilnehmern, jeder Mensch, jede Gruppe ist anders. Jeder kommt mit anderen Wünschen, Ängsten, Vorstellungen und Vorkenntnissen. Das ist spannend, aber auch sehr fordernd zugleich.

Und was macht dir im Gegenzug am meisten Spaß?
Neue Gegenden und Strecken zu erkunden, am liebsten mit meinen Kollegen von TrailXperience. Da war schon so manches Abenteuer dabei.

Wie schwierig ist es, die verschiedenen Einzeljobs zu koordinieren? Sicher gibt’s z.B. auch hier Zeiten, wo alles auf einmal kommt und dann wieder Phasen, in denen es sehr (zu) ruhig ist, oder?

Genau so ist es, zum Glück war es in der Agentur ähnlich und ich habe ein paar Strategien um den Überblick noch zu behalten…und alles kommt oft doch anders als geplant 😉

Hat sich deine Einstellung zum Biken verändert – jetzt, wo es nicht mehr nur Spaß, sondern auch Job ist?
Meine grundlegende Einstellung zum Biken hat sich nicht verändert, es ist immer noch meine große Leidenschaft. Doch die Trennung ist klar vorhanden. Bei meinem Job steht der eigene Fahrspaß im Hintergrund, dann bin ich für die Menschen da, bringe sie z.B. fahrtechnisch weiter oder verbringe mit ihnen einen schönen Urlaubstag.

Was machst du in deiner Freizeit? Das Bike meiden soweit es geht – oder kommst du nicht davon los … ;-)?
Sport, Bewegung und Natur muss sein – ein Sommerurlaub in den Bergen ohne Rad? Unvorstellbar seit mehr als 16 Jahren. Doch mittlerweise bin auch gern zu Fuß unterwegs (Crosslauf, Berglauf) und im Winter auf den Latten. Ab und zu, leider viel zu selten sitze ich im Pferdesattel.

Wenn andere Frauen mit einem ähnlichen Schritt liebäugeln – was würdest du ihnen aus deiner ganz persönlichen Sicht heute raten?

Ganz wichtig ist eine breitgefächerte Erfahrung und neben Plan A auch ein Plan B und C…und ein großer Koffer.

Wie kommst du über den Winter? Was sind hier deine Pläne?
Im Winter werde ich viel Zeit für mich haben, mein eigenes Training strukturieren um fit für die Saison 2013 zu werden. Bis Ende November bin ich aber noch im Einsatz und im Februar geht es schon wieder los. So lange ist also mein Winter gar nicht 😉

Bist du da angekommen, wo du hin wolltest – oder gehen die Veränderungen 2013 weiter?
Sicherlich wird sich auch 2013 noch einiges verändern, doch nicht so drastisch wie in den letzten beiden Jahren. Die berufliche Richtung ist eingeschlagen, es geht weiter, aber ich fühle mich noch nicht angekommen. Ich möchte weiterhin meine Passion fürs Biken leben, Menschen begeistern und meine Erfahrung weitergeben. Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Spaß am Sport, Biken und der Natur vermitteln. Grundlagen für professionelles Guiding in allen Facetten und Bereichen weitergeben. Mein Wissen permanent erweitern und im Austausch mit Fahrern, Entwicklern und anderen begeisterten Menschen stehen. Und ab und an an der Startlinie stehen, vielleicht klappts ja auch 2013 wieder mit einem Top 10 Ergebnis bei einer Deutschen Meisterschaft.

Apropos Ziele. Hast du irgendwas, das du beruflich und / oder privat noch erreichen möchtest?
Hund, Katze, Maus, Haus…nein, ganz im Ernst, es gibt da noch einiges und eine neue schöne „Bleibe“ zu finden wäre doch schon mal ein Anfang.

[Fotos: Mathias Marschner, privat]

Noch eine ganz persönliche Frage an die Singlefrau in dir: Du wirkst so stark und kraftvoll – wie müsste ein Mann sein, der dich noch beeindrucken kann?

Hmmm… er muss gut kochen können, vielseitige Interessen haben und mir einen leckeren Cappuccino zaubern können ;-). Und um gemeinsam in den Bergen etwas erleben zu können eine große Portion Kondition, Faszination, Bikebeherrschung und Erfahrung.

Und (fast) zum Schluss noch: Welchen Rat möchtest du anderen Bikerinnen mit auf den Weg geben?
Die Bewegung und die Erlebnisse genießen und sich auch mal etwas zutrauen.

Und jetzt wirklich die allerletzte, aber obligatorische Frage: Wie gefällt dir GIRLSRIDETOO.DE? 😉
GIRLSRIDETOO.DE ist eine tolle Plattform für bikebegeisterte Mädels. Dort finden sich viele nützliche Tips zum Biken von „Frau zu Frau“. Für mich eine Seite, auf die ich immer wieder einen Blick werfe. Das Rennteam durfte ich im Frühjahr kennenlernen als es bei mir in Mainfranken für ein Teamtrainingslager zu Gast war. Spirit, Teamgefühl und der Spaß am Sport steht im Vordergrund – das ist toll, es war ein Heidenspaß mit euch.

Kurzportrait:

Kerstin Kögler geb. in Nürnberg

Ihr findet mich auf Facebook unter „Kerstin Kögler„, auf Instagram unter „kerstin_koegler“ oder im Web unter www.kerstin-koegler.de.

Vielen Dank an alle, die mich unterstützen!

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