Mein ganz persönliches Highlight beim ersten „European Outdoor Women Summit“ (EWOS) von „Bloomers„, zu dem ich letztens geladen war und zu dem ich euch auch noch ganz viel erzählen werde, war eigentlich nur eine kleine Programmnotiz am Rande. Noch dazu eine, bei der ich mir sehr sehr sicher war, sie höchsten in der Erzählung anderer mitzubekommen. Doch bekanntermaßen kommt es manchmal anders, als man denkt…

Ich gestehe: Ich bewege mich nur äußert zäh aus meiner Komfortzone heraus. Ich schätze es, wenn mir Gewohnheit oder Erfahrung ein gewisses Sicherheitspolster verleihen. Und Neues ausprobieren – nun ja. Mein Kopfkino ist ziemlich aktiv, doch leider meist in negativer Richtung unterwegs. Und da ich zwar schon immer sportlich, nie jedoch ein wirkliches Bewegungstalent war, bin ich mir bewusst, dass ich bei Erstversuchen in neuen Sportarten wohl eher zur Belustigung als zur anerkennendem Schulterklopfen beitrage.

So hielt sich meine Begeisterung beim Blick auf das Sonntagmorgendliche EWOS-Programm dann auch in Grenzen: „7:00 Uhr – Früh übt sich… Reto Poltera’s Carver-Skateboard Lesson in der Urban Surfwave stand da. Hm.

Ich habe eine dreijährige Tochter, die Ausschlafen für überbewertet hält. Und Durchschlafen sowie so. Dementsprechend ist mein Schlafdefizit über die letzten Jahre parallel mit ihr gewachsen und die Aussicht auf einmal ganz alleine schlafen, und das bis mindestens halb acht, ein echter Knaller. Von daher: Frühsport um 7:00 Uhr? Und das auch noch in Form einer Sportart, dich ich bisher allerhöchsten aus der weiten Ferne wahrgenommen habe? Och nööö.

Doch ich habe die Rechnung ohne die Zeitumstellung und meine innere Uhr gemacht. Sonntag, 6 Uhr: Ich bin hellwach. Mist. Draußen im Wohnzimmer unseres Appartements wuseln die anderen schon eifrig herum. Nachdem alle Versuche, nochmal in den gemütlichen Schoß von Mama Schlaf zurückzukehren gescheitert sind, schäle ich mich seufzend aus dem Bett. Und gerate irgendwie in den Strudel des allgemeinen Aktionismus. Ich ziehe mich mit an, die Regenjacke über und finde mich irgendwie gänzlich unreflektiert plötzlich in der (nicht wirklich wärmeren) Tiefgarage unseres Hotels wieder, in die die Aktion aufgrund des schaurigen 4-Grad-Dauerregens draußen kurzerhand verlegt wurde – noch immer 100%ig sicher, NIE IM LEBEN auch nur einen Fuß auf ein Skateboard zu setzen. Nun ja: Ein paar Minuten später halte ich ein ebensolches (bzw. ein sogenanntes „Carver-Board, wie ich von den 4-Rollen-Expertinnen unter uns an dem Wochenende gelernt habe, ein großer Unterschied!) in der Hand.

Reto, unser Trainer und Animator der nächsten Stunde, reißt uns mit viel Elan und seinem herzerweichenden Schweizer Dialekt aus der Schwere der allgemeinen Morgenmüdigkeit. Seine Begeisterung fürs Skaten, Gleiten, „Surfen ohne Wasser“ ist so ansteckend, dass ich gar nicht anders kann: Ich bin dabei!

Unsere Truppe ist so bunt, wie die Garage grau. Vom Komplettanfänger (wie ich), zur erfahrenen Longboard-Fahrerin, alles dabei. Und doch starten wir alle von ganz Anfang an – was ein Glück! Anschieben, draufstellen, Vorderfuß drehen, nicht herunterfallen und vielleicht auch nicht unbedingt nach 2 Metern wieder stehn bleiben. Klingt einfach, ist es eigentlich auch, das darf sogar ich feststellen – auch wenn sich letzteres als schwierigste Aufgabe herausstellt, die 0,5%-Neigung der Tiefgarage mein Adrenalin kräftig zum Wirbeln bringen und ich mehrfach mit akrobatischen Figuren vom Board springe. Das trägt tatsächlich zur Belustigung bei – am allermeisten zu meiner eigenen. Die Stimmung steigt und die ersten Schichten Primaloft fallen. Mutig wage ich mich an die nächste Aufgabe heran und vollbringe durch sanfte Gewichtsverlagerung auf dem Brett doch glatt Kurvenbewegungen homöopathischer Dimension. Yeah!
Reto rollt währenddessen elegant und spielerisch leicht um uns herum und erklärt, wie ein tiefes in die Knie gehen unser Surf-Feeling erst so richtig in Fahrt bringt. Ich komme mir vor, wie auf dem Klo und sehe wahrscheinlich auch ähnlich aus. Doch im Schutz des Halbdunkels und einer wohlwollenden Frauentruppe ist das wunderbar egal. Jeder ist bei sich und nur, wenn wir aneinander vorbeirollen, für einen kurzen Augenblick im lachenden Wir.

Jetzt gilt es, einen großen Kreis durch die Garage zu meistern – wohlgemerkt, ohne  in einen der zahlreichen Betonpfeiler einzuschlagen! Als „Frontal-Sportlerin“ kostet mich das seitliche Vor- und Zurücklehnen mächtig Überwindung. Quer stehen bin ich einfach nicht gewohnt. Doch irgendwann siegt die Motivation über den Kopf und der Körper zieht hinterher. Ich strecke die Arme aus, gehe in die Knie, beuge mich nach vorne, drehe den Oberkörper …. und schieße ein wenig hysterisch lachend nach links, hinab gen Ausfahrt, knapp an der Säule vorbei, noch weiter links, wieder hinauf, millimeternah an der nächsten Säule entlang, und in meinem Bauch tanzen die Schmetterlinge. Hilfe, was ein schrecklicher Spaß! Mir ist heiß.

Reto stellt uns vor die Qual der Wahl: Entweder gleich ab zum Frühstück oder eine Etage tiefer, wo es eine kleine Rampe gibt. Wir sind uns einig, es geht hinab. Aufgereiht stehen wir vor der Auffahrt, die uns heute als Wellenersatz dienen darf. Wellenreiten in einer Tiefgarage? Mit einem derart inspirierenden Trainer tatsächlich gar nicht so absurd, wie das vielleicht klingt. Zumindest hat es tatsächlich Ähnlichkeit, wie Reto uns das „einfach mal“ vorfährt. Eine nach der anderen tastet sich vorsichtig heran – und da ist es: Dieses grummelige Gefühl im Bauch. Ich habe Angst mich zu Blamieren. Höflich gewähre ich einer nach der anderen Vorfahrt und bin dann doch irgendwann dran. Was habe ich von Mental-Trainerin Petra Müssig gelernt? „Beherzt losfahren oder beherzt absteigen“. Ich fürchte, das gilt auch für den Umgang mit 4 Rollen. Ok, ich nehme mir ein Herz und rolle los. Und bevor ich mich versehe, meistere ich irgendwie eine Kurve auf der Rampe und rolle mit einem fetten Grinsen im Gesicht zurück zur Truppe, die meinen Erfolg mit lautem „Juchuuu“ begleitet.

Beides – das Grinsen und das Juchu – nehme mich mit zum Frühstück und weit in den Tag. Der Perspektivenwechsel entpuppt sich für mich als echter Gute-Laune-Booster. Und ich stelle fest: außerhalb der Komfortzone kann es ganz wunderbar aufregend sein. Und noch eines hat sich für mich mal wieder bewiesen: Sport unter Frauen, das ist und tut mir einfach gut!

Links: https://www.flims.com/aktuell/specials/urban-surfwave

Fotos: Andrea Gaspar-Klein (www.andreagasparklein.com)

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