Wie entsteht eigentlich eine Reisestory im Magazin? Hinter den Kulissen von „Roadtrip Graubünden“

Wie entsteht eigentlich eine Reisestory im Magazin? Hinter den Kulissen von „Roadtrip Graubünden“

Wolltet ihr auch schon immer mal wissen wie eigentlich diese fantastischen Bildergeschichten in den Magazinen entstehen? Die, die einem sofort Lust machen das Rad zu packen und dort hin zu fahren um die Trails dort zu erleben! Als ich von Anna von world of mtb-Magazin die Anfrage bekam ob ich nicht Lust hätte ihre Fotoproduktion in Graubünden zu begleiten war ich sofort begeistert. Zum einen fühlte ich mich geehrt dass ausgerechnet ich als Fotofahrerin eingeladen wurde, zum anderen war ich super neugierig wie so eine professionelle Produktion wohl ablaufen würde.

Vom 3-Länder Enduro Rennen kommend fuhr ich also ohne zu wissen was mich erwartet über den Flüelapass nach Flims wo ich für eine Nacht ins Hotel Alpina einchecken durfte. Schon der Check In verlief etwas konfus, da die Rezeption unbesetzt war und ich anstatt in die Bar (in der ich den Schlüssel abholen sollte) mit meinen verdreckten Bikeklamotten erstmal in das vornehme Steakrestaurant geplatzt bin. (uups). Etwas später bekam ich dann von Anna das Briefing für den nächsten Tag: Abfahrt um 04.45Uhr vorm Hotel zum Sonnenaufgang am Vorab-Gletscher.
Viel zu früh klingelte dann auch schon der Wecker. Schnell packte ich meinen Rucksack und die dicke Daunenjacke und lief nach draußen. Schon irgendwie seltsam im Dunklen zu einer Biketour zu starten. Kurz darauf kommt eine SMS von Anna: sie hat einen üblen Migräneanfall und kann nicht kommen; ich soll mich einfach mit dem Fotografen treffen und alleine losziehen…ähhhh ja okay, nur gut dass so früh morgens nicht allzuviele Leute unterwegs sind und so erkenne ich David daran, dass er ungefähr so unausgeschlafen wie ich Sachen in seinem VW-Bus zusammenkramt. Kurz darauf starten wir zusammen zur Talstation in Flims wo wir bereits erwartet werden. Markus Boss vom Alpine Coworking Space wird uns als zweiter Fotofahrer begleiten und Marc vom Tourismusverband shuttlet uns mit seinem Pickup hoch auf den Berg. Über eine Stunde geht es steil bergauf. Anfangs noch über eine gut ausgebaute Teerstraße, später dann über eher unbefestigte Wege wo man ohne einen guten Allrad eher keine Chance mehr hat. Mittendrin dann die Überraschung: ein Stahlseil ist quer über den Weg gespannt!

 

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Sonnenaufgang über den Sengesböden

Aber die Männer wollen sich nicht abhalten lassen und versuchen die massiven Stahlringe aus der Felswand reißen…naja zumindest solange bis ihnen auffällt dass das Seil nur mithilfe eines Schraubkarabiners eingehängt ist^^
Oben auf 2800m angekommen, ist es unglaublich kalt. Aber der Blick ist bereits fantastisch. Auf der einen Seite hängen noch die Gewitter der letzten Nacht, immer wieder hören wir Donnergrollen während auf der anderen Seite der Himmel immer heller wird und anfängt in ein wunderschönen, warmen roten und goldenen Tönen zu leuchten. Die Berge stehen im Dunst wie Haifischzähne um uns herum, Reihe hinter Reihe, immer blasser bis zum Horizont. Ich ziehe mein Handy und mache ein Foto nach dem anderen, so beeindruckt bin ich von dem Naturschauspiel um uns herum.

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gespenstische Gewitterstimmung am Vorabgletscher

Solange bis mich Davids Stimme daran erinnert dass wir eigentlich nicht zum Spaß hier sind. Er gibt Markus und mir die Anweisung auf der schottrigen Skipiste in einem Bogen auf ihn zu zufahren. Ab da muss er nichts mehr sagen, nun ist Markus an der Reihe. Der ist hellauf begeistert von der Stimmung, alles ist „churegeil“. Ich bin sehr beeindruckt wiviele Fotoideen aus ihm heraussprudeln. Mittendrin prischt er los die Skipiste hinunter bis zur Felsformation am Gegenhang. Bei Germany’s Next Topmodel würde man titeln: „er bietet dem Fotografen sehr viel an“. Ich hingegen, ohne jegliche Erfahrung mit Fotoshootings, versuche einfach an ihm dranzubleiben ohne dass meine Fahrtechnik dabei komplett durcheinandergerät (soll ja gut aussehen auf den Bildern…). Kurz drauf kehren wir zurück zu David unserem Fotografen. Er scheint eher von der ruhigeren Sorte zu sein, denn er verliert nicht viele Worte über unsere Aktion. Ob es ihm wohl gefallen hat? Ich kann es zu dem Zeitpunkt nicht sagen. Er packt zusammen und wir radeln zusammen weiter. Immer wieder schlägt Markus Fotopunkte vor, doch David scheint genau zu wissen was er will und geht nicht darauf ein. An einer Stelle die uns beiden total unspektakulär vorkommt lässt er uns anhalten und fahren. Allerdings auch nur ein einziges Mal. Ich werde immer unsicherer, so hab ich doch von anderen Leuten immer Gerüchte gehört dass man bei Fotoshootings ein und dieselbe Stelle immer wieder fahren muss, solange bis das Bild passt. So fühle ich mich eher wie bei einer gemütlichen Tour bei der ab und an jemand ein Foto knipst. Okay, eine Tour mit einer unglaublichen Stimmung, denn das Gewitter über dem Vorab-Gletscher zieht immer näher. Irgendwie habe ich mir das anstrengender vorgestellt, so eine Fotoproduktion.
Immer weiter fahren wir nach unten in Richtung Flims. Nach einigen Metern Schotterweg biegen wir in einen wunderschönen, verwinkelten Trail ein. Allerdings besteht der Untergrund aus sehr losem Schotter. Also eigentlich nicht ganz so meins. Tatsächlich lässt uns David nun eine bestimmte Stelle zweimal fahren bevor er mit dem Bild zufrieden ist. Haben wir nun etwas richtig gemacht? Oder falsch? Ich weiß es nicht. Aber mich beschleicht langsam das Gefühl dass ich zur Fotofahrerin nicht ganz so tauge, irgendwie geht das immer viel zu schnell…
Inzwischen geht es auf Mittag zu und die Sonne steht hoch am Himmel. Das Licht ist laut David nun zu hart um noch Fotos zu machen, daher kurven wir entspannt über den Runcatrail hinunter ins Tal. Wow, wenn das Arbeiten ist, dann macht der Job verdammt viel Spaß!
Anschließend lädt uns Markus auf einen Cappuccino in seinen Alpine Coworking Space ein. Dort treffen wir auch Anna, der es glücklicherweise wieder besser geht und die sofort die Chance ergreift und Markus ausführlich interviewt während David und ich nebenher frühstücken. Markus hat den Coworking Space aus einem alten, verlassenen Hotel gezaubert. Er zeigt uns Fotos davon wie er die alte Großküche herausgerissen, und riesengroße Löcher für Fenster in die Wände geschlagen hat. Danach führt er uns in sein neuestes Projekt: eine Bikegarage für alle die zuhause keinen Platz oder kein Werkzeug zum Schrauben haben. Wow, das wäre auch meine Traumwerkstatt!! Der hat wirklich so ungefähr jedes Werkzeug dass man sich für ein Fahrrad nur vorstellen kann!

Nachmittags stehen Fotos am Caumasee auf dem Programm. Allerdings ist der Crestasee noch viel schöner, also fahren wir zum Baden weiter. Der See ist einfach nur beeindruckend: glasklar und türkisblaues Wasser. Im Wasser liegen große weiße Felsen die hell im Wasser leuchten und alte umgestürzte Bäume die einen dunklen Kontrast bilden. Wir finden einen Baum am Ufer, mit einem Seil an dem man sich rausschwingen kann auf den See. Es hat inzwischen angefangen leicht zu regnen, doch das stört uns nicht im geringsten. Immer wieder schwingen wir uns hinaus und lassen uns ins Wasser plumpsen. Anfangs knipst David noch ein paar Fotos, dann springt er mit uns ins Wasser. Ich fühle mich immer noch nicht so als würde ich hier arbeiten…

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Anna und Nina beim Lagerfeuer in der Rheinschlucht

Später fahren wir hinunter in die Rheinschlucht. Wir wollen uns hier mit Nina treffen, einer Foodbloggerin aus Flims, die sich der Paleo-Steinzeitküche verschrieben hat und mit ihr zusammen zu Abend essen. Schnell haben wir eine Insel im Rhein gefunden die uns gefällt. Die Kiesbänke erinnern mich an die der Isar zuhause in München, nur dass es hier zu den Kieselsteinen noch angenehm feinen Sand gibt.

Um uns herum trainieren Wildwasser-Kajakfahrer in den Fluten. Schnell haben wir aus Treibholz ein Lagerfeuer aufgeschichtet und grillen auf den heißen Steinen die leckeren Kartoffeln, Paprika und Zucchini die Nina mitgebracht hat. Als es irgendwann anfängt zu regnen brechen wir ab und packen unser Zeug um weiterzufahren und unseren Roadtrip zu starten. Ab jetzt werden wir campen.

Unser erster Halt ist der Campingplatz in Maloja, an dem wir spätabends auch noch ankommen. Hier treffen wir an der Anmeldung auch Gerhard, den zweiten Fotofahrer der uns die nächsten beiden Tage begleiten wird. Komplett müde lasse ich mich in den Kofferraum meines kleinen Skodas fallen und schlafe mehr oder weniger sofort ein.

David versteckt sich und seine Kamera vor dem Regen

David versteckt sich und seine Kamera vor dem Regen

Viel zu früh klingelt dann um kurz nach 6 auch schon wieder der Wecker. Auf dem Campingplatz ist es bereits fast hell, die Wolken am Himmel leuchten in frischen rosa und Pfirsich Tönen. Allerdings ist es auch ziemlich kalt. Gefühlt hat es maximal 10 grad. Nicht unbedingt die besten Vorraussetzungen für das was wir jetzt vorhaben: Stand-Up Paddlen! Aber hilft ja nicht! Wie betont Anna immer wieder: das ist hier Arbeit, kein Spaß! Tatsächlich ist das Stand-Up Paddlen an disesem Morgen für mich im Nachhinein das einzige was sich tatsächlich nach Arbeit anfühlt; bis wir nämlich bei den SUPs ankommen hat es zugezogen, die Temperaturen sind gefühlt noch weiter gefallen und ich friere erbärmlich während ich versuche lächelnd über den See zu paddlen. Brrrrr….

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Das kleine Seilbahncafé in St. Moritz

Ein paar Stunden später sitzen wir oberhalb von St. Moritz an einem winzig kleinen Café in der Sonne beim Frühstück und haben die Kälte schon fast wieder vergessen. Das Café besteht aus einer alten Seilbahngondel die ausgebaut wurde und von einem jungen Pärchen betrieben wird. Wir bekommen köstlichen Tee serviert (mit Chilis!) und die besten Brownies des Engadins. Nachdem wir David überzeugt haben dass er auch mal mit auf ein Foto drauf muss versuchen wir mit dem Selbstauslöser Fotos vom „Tee aus der Kanne in die Tasse gießen“ zu machen…kurz es ist eine Katastrophe UND: ein riesen Spaß! Immer wieder treffen wir den falschen Moment, oder die Tasse ist zu früh voll. Irgendwann zücke ich meine GoPro und halte in bewegten Bildern fest wie einer der Timer für den Tee unter Wasser (Tee?) gesetzt wird.

Weiter geht’s dann hinauf zur Bergstation der Seilbahn (natürlich mithilfe der Seilbahn). Ich kann mir nicht helfen, so richtig schön finde ich es hier nicht, und den ganzen Hype um St. Moritz kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Von der Seilbahn aus starten wir in eine riesige Schotterhalde mit lustigen rot-lila Felsen. Die sehen zwar ganz lustig aus, aber begeistert bin ich nicht. Schon bald hat David einen Fotospot gefunden. Allerdings scheint auch er nicht ganz zufrieden: Gerhard und ich müssen ganze 4 mal fahren bevor er ein passendes Bild geschossen hat. Der Trail führt uns weiter nach unten in ein schmales Tal mit einem Bach. Hier schießt David ein Bild, wo ich mir nur denke: das darf bitte niemand veröffentlichen, weil das Bild ist super, aber wenn man weiß was da drumrum war, weiß ich nicht ob ich jemandem empfehlen würde nach St. Moritz zu fahren…
Weiter unten geht’s auf einen gebauten Flow-Trail. Er ist ganz lustig zu fahren, aber kein Vergleich zur Teäre Line in Sölden oder dem Flow Country Trail am Geißkopf. Allerdings findet David eine coole Felskombination auf die er hinaufklettert um von oben Fotos zu machen wie wir vorbeifahren. Anfangs liegt sein Bike noch komplett im Bild. Wir fragen ihn ob wir das nicht zur Seite räumen sollen…seine Antwort ist nur: „Nee, das mach ich später raus…“. Scheinbar ist es gar nicht so wichtig was auf einem Bild drauf ist und was nicht. Wir räumen das Rad trotzdem auf die Seite als wir das zweite Mal hochschieben. Ich finde es irgendwie „ehrlicher“.

Fotograf David scheut keine Anstrengungen für ein gutes Bild: Kletteraktionen eingeschlossen

Fotograf David scheut keine Anstrengungen für ein gutes Bild: findet ihr ihn auf dem Fels?

Nachmittags fahren wir dann weiter nach Poschiavo. Wir haben einen Termin mit einem der größten Bio-Kräuter- Bauern der Schweiz: Reto Raselli. Wir bekommen eine beeindruckende Führung durch die Kräuterbeete und die Produktionshallen. Das Highlight ist für mich das Edelweiß-Feld. Jeder von uns bekommt ein Edelweiß geschenkt während David fleißig Fotos macht wie wir gebannt der Herstellung von Kräutertee lauschen. Hier ist nichts gestellt, ich finde es tatsächlich unglaublich interessant wie der Tee in die Teebeutel kommt.

Danach geht es hinauf auf den Berg. Anna hat uns für diese Nacht eine Übernachtung auf einer kleinen Jagdhütte unterhalb des Col d’Anzana organisiert. Inzwischen ist es schon spät, und eigentlich hat keiner von uns mehr so wirklich Lust noch stundenlang den Berg hinaufzufahren (zwar mit dem Auto, aber trotzdem). Aber Anna lässt nicht locker und so fahren wir los. Es ist stockdunkel und die kleine steile Straße wird immer enger. Nach etwa 1h bergauf, treffen wir auf unser Shuttle, das uns die letzten Meter zur Hütte bringen soll. Wir laden unsere Rücksäcke in den Jeep und die Bikes auf den Anhänger dann geht’s weiter. Ich bin inzwischen fast am Einschlafen. Nur das Rütteln des Autos hält mich noch wach; mit den VW-Bussen wären wir hier definitiv nicht weit gekommen. Ich habe Angst um mein Fahrrad das im Anhänger ganz unten liegt, der Weg ist mit Schlaglöchern durchsetzt und der Anhänger hinter uns springt immer wieder auf und ab. Endlich erreichen wir die Hütte. Sie ist aus groben Steinen gebaut und wirkt von außen deutlich größer als von innen. Franco, der uns hoch geshuttlet hat zeigt uns kurz wo wir uns waschen können und heizt uns noch den Holzofen ein. Unter dem Dach erreicht man über eine enge steile Holztreppe ein Matratzenlager das für 18 Leute ausgelegt ist, also als ausreichend Platz für uns alle. Ich glaub so schnell bin ich in der Woche noch nicht eingeschlafen…

Sonnenaufgang am Col d'Anzana

Sonnenaufgang am Col d’Anzana

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Jagdhütte auf 2200m

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Kaffee auf dem Holzofen

Tag 3 und wieder klingelt der Wecker unangenehm früh. Wir sind zwar in der Hütte schon auf 2200m, allerdings müssen wir noch 200hm nach oben um den Sonnenaufgang am Col d’Anzana zu sehen. Anfangs, sehr verschlafen, versuchen wir noch auf dem Holzofen Kaffee zu kochen…dann entdecken wir einen kleinen Gaskocher und nehmen dann doch lieber den (geht irgendwie deutlich schneller). Dann schnallen wir die Lampen auf die Helme und ziehen los. Es ist genau noch lange genug dämmerig dunkel dass wir ein Foto mit den Lampen machen können, danach ist es so hell, dass wir das Licht nicht mehr brauchen. Bis auf Anna ist auch keiner so richtig motiviert, das Wetter um uns herum sieht nicht gerade nach Sonnenaufgang aus: wir stecken in dickem Nebel. Aber was soll’s, jetzt sind wir schon wach, also fahren wir auch los. Anfangs auf Forststraße, dann weiter auf einem Trail über eine Kuhweide (und jede Menge Hinterlassenschaften von Kühen) geht es steil bergauf. Kurze Zeit später heißt es dann „Bikes schultern“. Und es lohnt sich! Kaum kommen wir oben auf dem Bergsattel an, bricht der Nebel um uns herum auf und die Sonne steigt langsam hinter den gegenüberliegenden Gipfeln aus dem Nebelmeer. Es ist eine fantastische Stimmung. Unser Fotograf wird richtiggehend euphorisch, wir zücken alle die Handys und machen ebenfalls Fotos. Bis wir ermaht werden dass wir ja eigetnlich vor den Kameras stehen sollten. Immer wieder fahren wir für David die ersten Kurven des Trails bis irgendwann der Nebel zurückkehrt und die Sonne wieder verdeckt. Wow, das war ein Erlebnis!

Wir fahren zurück zu den Autos und machen an einer kleinen Kapelle halt. Der Nebel hat sich inzwischen aufgelöst und so frühstücken wir spontan auf einer kleinen Mauer in der warmen Vormittagssonne. Es ist definitiv wieder ein Tag der sich so gar nicht nach Arbeit anfühlt.

Später fahren wir weiter in Richtung Umbrailpass. Von Bormio aus fahren wir die Stilfser Joch Straße hinauf. Ständig kommen uns die Busse von Ski-Teams entgegen die dort am Morgen ihr Sommertraining auf dem Ortler Gletscher erledigt haben. Wir haben einen Tip bekommen dass die Abfahrt vom Piz Umbrail nach Santa Maria unglaublich schön sein soll. David und ich fahren daher eines der drei Autos nach Santa Maria hinunter, da keiner von uns so recht Lust hat die 1300hm auf der Passstraße wieder nach oben zu treten. Es ist schließlich schon fast 16:00 Uhr als wir wieder auf dem Pass ankommen und uns auf dem Weg zum Gipfel des Piz Umbrail machen. 600hm Tragepassage stehen uns bevor. Irgendwie gar nicht so einfach wenn man die Höhe nicht gewöhnt ist. Am Anfang führt der Weg steil durch Wiesen nach oben. Irgendwann dann hört die Vegetation auf und wir durchsteigen eine abfallende Schotterhalde. Meine FiveTen Schuhe haben kaum Grip, bei jedem Schritt rutsche ich ein paar Zentimeter wieder nach unten. Ich bin noch nie mit meinem Rad aus eigener Kraft so weit nach oben gestiegen, bisher hat den Part in solchen Höhen bei mir immer eine Seilbahn übernommen. Irgendwann ist es mehr Klettern als Laufen. Das Rad auf meinen Schultern behindert mich allerdings beim Klettern. Immer wieder habe ich Angst dass ich mit dem Rad an die Felswand stoße und es mich in den Abgrund katapultiert. Als der Weg zum Klettersteig mit Kette an der Felswand mutiert ist es vorbei: ich komme nicht mehr weiter. Gerhard rettet mich und nimmt mir das Rad ab. Dankbar nehme ich sein Angebot mir das Rad nach oben zu bringen an und steige ohne das Rad auf den Gipfel auf 3033m. Irgendwie bin ich trotzdem stolz, mein erster selbstbestiegener 3000er. Wenn auch ohne das Rad selbst hochgetragen zu haben. Die Aussicht hier oben ist beeindruckend. Auf der einen Seite thront König Ortler über allen andern Bergen. Die Flanken fallen hier steil ab, überall gibt es Felstürme die wie Dornen in die Wolken ragen.

Auf dem Weg zum Piz Umbrail

Auf dem Weg zum Piz Umbrail

die "Eurobike-Schwänzer"

die „Eurobike-Schwänzer“

Weiter unten beginnen dann moosgrüne Wiesen die in den wenigen Sonnenflecken hell leuchten. Die Szenerie hier oben ist einfach Wahnsinn. Und auch die Tatsache dass hier oben ein Trail beginnt. Das komplette Gegenteil zu dem Weg den wir hochgestiegen sind! Er zieht sich mit sanftem Gefälle und der ein oder anderen Spitzkehre in ein einsames Tal hinunter. Wir sind allesamt geflasht von der Reinheit der Natur hier oben und reißen Witze darüber dass wir gerade die „Eurobike schwänzen“. Weiter unten treffen wir auf einen türkis-blauen See in den ein Gebirgsbach mit einem beigefarbenen Delta mündet. Nichts „menschliches“ stört dieses Bild. Es gibt keine Telefonleitungen, keine Wegmarkierungen, keinerlei Anzeichen der Zivilisation. Nicht einmal Kondensstreifen von Flugzeugen am Himmel. Ich habe mich selten so entspannt und ruhig gefühlt. Ohne dass wir es merken knipst David die ersten Bilder während wir einfach nur noch dastehen und die Aussicht genießen. Stimmt ja, wir sind ja zum Arbeiten hier…aber gerade habe ich den besten Job der Welt! Weiter unten machen wir dann noch einige Fahrfotos. Ich mache mir keine Sorgen dass durch diese Fotos dieses Tal von Bikern überschwemmt wird; den Aufstieg auf den Piz Umbrail werden die wenigsten schaffen (nicht jeder hat einen Gerhard dabei der einem das Rad trägt). Das hier sind eher Bilder um anderen diese Stimmung hier zu zeigen, die Schönheit der Natur zu vermitteln.
An diesem Abend schlafe ich mit Kopfkino von dem Trail in meinem Schlafsack auf dem Campingplatz in Müstair ein.

kein Anzeichen von Zivilisation

kein Anzeichen von Zivilisation

Tag 4 und wieder klingelt der Wecker um 05:30Uhr. Wir wollen zum Sonnenaufgang auf den Ofenpass. Schnell Zähneputzen und los geht’s. Mein Körper hat sich inzwischen daran gewöhnt dass es immer ohne Frühstück losgeht. Heute sind wir nur noch zu dritt, da Gerhard zur Eurobike muss. Kurz vor der Passhöhe finden wir einen wunderschönen Platz neben zwei abgestorbenen Bäumen. Anna und ich stellen uns Klappstühle auf und David kocht Kaffee für uns. Unsere Aufgabe: in die Schlafsäcke eingewickelt mit der Tasse Kaffee in der Hand dasitzen und den Sonnenaufgang anschauen. Klingt einfach, ist es aber gar nicht. Immer wieder dirigiert David unsere Hände mit den Kaffeetassen in der Luft herum. Immerhin ist der Kaffee ausgetrunken bevor er kalt ist.

Sonnenaufgang am Ofenpass

Sonnenaufgang am Ofenpass

Leider ist im Nationalpark am Ofenpass das Biken verboten und so können wir hier nur Fotos vom fahrenden Bus machen. Wäre ich jetzt tatsächlich auf einem Roadtrip würde ich das Auto parken und die Gegend zu Fuß erkunden, es ist einfach wunderschön hier. Wir halten an einem Bach an um noch Fotos vom Zähneputzen zu machen. Ja wirklich, vom Zähneputzen!! Aber klar, so eine Geschichte braucht natürlich auch einen Rahmen, und zu einem Roadtrip gehört eben nicht nur das Biken und Kaffeetrinken sondern auch das Campen mitsamt alltäglichen Dingen wie die Morgentoilette; mal abgesehen davon dass mein Badezimmer zuhause (ohne Fenster) ohnehin nicht mit dem kleinen, idyllischen Wildbach mithalten kann. Anna und ich beschließen kurzerhand nicht zu schauspielern sondern einfach tatsächlich unsere Zähne zu putzen. Trotzdem müssen wir ständig kichern, da es irgendwie seltsam ist so 10m neben einer Passstraße im Bach zu sitzen um die Morgentoilette zu erledigen. Und ja, wir müssen tatsächlich teilweise „im Bach“ sitzen damit mir zusammen MIT dem Bach auf’s Foto passen.
Irgendwann kommen wir dann natürlich noch auf doofe Gedanken und so tauche ich kurz darauf meine Haare wie ein Bikinimodel in den Bach um möglichst elegant Wasser in die Luft zu spritzen. Der Sinn? Keine Ahnung!! Aber Spaß hat es gemacht und die Fotos sehen auch ganz lustig aus ☺

Vielleicht starte ich eine zweite Karriere als Haarmodel?

Vielleicht starte ich eine zweite Karriere als Haarmodel?

Mittags trennen wir uns dann kurz. Anna fährt mit dem Zug zurück nach St. Moritz um ihr Auto zu holen während David und ich oben am Flüelapass noch ein paar Fotos machen. Hier entsteht dann auch das erste und einzige komplett gefakte Foto (wie ich finde). Auf einem breiten Schotterweg der schnurgerade am Seeufer entlangläuft soll ich eine Kurve fahren. Nach einigen Versuchen gelingt mir das auch, und als ich das Foto später sehe sieht es tatsächlich so aus als wäre hier ein Traumtrail der genau dort wo ich fahre eine Kurve macht. Ich bin echt beeindruckt, das ist Kunst! (kein Photoshop!)
Den Abschluss nimmt unser Trip nach einem kurzen Abstecher in Davos dann in Lenzerheide. Wir fahren den Trail zum Wasserfall. Wieder lässt uns David an einer für mich komplett unspektakulären Stelle anhalten um ein Foto zu machen. Wir fahren sogar entgegen der eigentlichen Richtung des Trails, was für mich anfangs ebenfalls irgendwie ein wenig komisch ist. Aber als er uns einen (extrem seltenen) Blick auf sein Kameradisplay erlaubt sehen wir sofort: auf dem Foto sieht es wirklich toll aus! Glücklich und zufrieden kurven wir den Trail hinab ins Tal und lassen den Tag ausnahmsweise im Hotel ausklingen.

Wasserfall in Lenzerheide

Wasserfall in Lenzerheide

Ungewöhnlich spät (nämlich erst um 07:30Uhr) klingelt dann am nächsten Tag der Wecker. Trotzdem bin ich total schnell auf, denn David hat versprochen uns heute nach dem Frühstück noch die Fotos der letzten Tage zu zeigen. Über 2000 Einzelbilder sind es geworden. Und jetzt wo ich die Bilder sehe verstehe ich jeden einzelnen Spot an dem wir stehen geblieben sind. Wow, teilweise sehen die Bilder noch schöner aus als es war. Vor allem die Bilder am Crestasee beeindrucken mich; ich weiß, dass es geregnet hat, aber davon bemerkt man auf den Bildern fast nichts, und das obwohl die Bilder noch nicht bearbeitet wurden.

Mein Fazit: ich habe mich ein wenig mit dem Gerhard unterhalten, der wirklich hauptberuflich Mountainbiker ist und unter anderem mit Fotofahren sein Geld verdient. Er hat mir bestätigt, dass unser Trip nicht das Paradebeispiel für eine Fotoproduktion war. Normalerweise kommt man wohl sehr viel weniger zum Biken und muss eine Stelle sehr viel öfter fahren bis der Fotograf zufrieden ist. Von daher habe ich wohl eher die „Kuscheltour“ miterlebt. Ich hatte riesengroßen Spaß bei diesem Fototrip und bin unglaublich dankbar dass ich dabei sein durfte. Und falls eine von Euch mal die Möglichkeit bekommt so was mitzumachen: ich kann es euch nur empfehlen!

 

Ach ja, und wer die Fotostory mit den professionellen Fotos von David sehen will muss sich die 2017er Mai-Ausgabe der World of Mtb kaufen!

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